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Jurist Andreas Schüller über den aktuellen Stand im Fall Hartmut Hopp

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Jurist Andreas Schüller über den aktuellen Stand im Fall Hartmut Hopp

Der Fall Hartmut Hopp ist höchst kompliziert. In Chile wurde der einstige Arzt der Colonia Dignidad im Jahr 2013 wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch verurteilt. Durch seine Ausreise nach Deutschland konnte er sich dieser Haftstrafe entziehen. Seitdem lebt er straffrei in Nordrheinwestfalen. Denn Deutschland liefert eigene Staatsbürger nicht nach Chile aus. Auch von deutschen Justizbehörden wurden inzwischen Verfahren angestrengt. Jüngst bestätigte die Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf die Entscheidung der Staatsanwaltschaft Krefeld, das Ermittlungsverfahren gegen Hartmut Hopp einzustellen. Der Jurist Andreas Schüller, der im Rahmen seiner Zuständigkeit für das European Center for Human and Constitutional Rights (ECCHR) zum Thema Colonia Dignidad arbeitet, hält dies für falsch.

Gespräch mit Andreas Schüller vom ECCHR über juristische Schritte im Fall des Colonia-Arztes Hartmut Hopp

Meike Dreckmann-Nielen: Herr Schüller, seit unserem letzten Interview ist Einiges passiert. Die Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf hat die Beschwerde der ECCHR-Partneranwältin Petra Schlagenhauf gegen die Einstellung des Ermittlungsverfahrens gegen den ehemaligen Arzt der Colonia Dignidad zurückgewiesen. Bedeutet dies, dass Hartmut Hopp nach deutschem Rechtsverständnis unschuldig ist?

Andreas Schüller: Ja, denn natürlich gilt hier die Unschuldsvermutung, auch wenn es viele Hinweise darauf gibt, dass Hartmut Hopp zentral in die Straftaten der Colonia Dignidad verwickelt gewesen ist.

MDN: In dem umfangreichen Statement-Papier des ECCHR zu der jüngsten Entscheidung der Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf im Falle Hartmut Hopp, heißt es, dass das ECCHR eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Behörde erwägt. Wozu? Was bringt das?

AS: Es gibt im Grunde genommen keine wirksamen Rechtsbehelfe gegen die Entscheidungen der Staatsanwaltschaften. Unsere Kooperationsanwältin Petra Schlagenhauf hat einen Antrag auf Ermittlungserzwingung an das Oberlandesgericht Düsseldorf gestellt. Dieses Verfahren hat jedoch hohe formale Voraussetzungen und ist in den allermeisten Fällen erfolglos. Es verstößt nach unserer Auffassung gegen die EU-Richtlinie zum Opferschutz von Straftaten, wonach Opfer die Möglichkeit haben sollen, staatsanwaltschaftliche Entscheidungen ohne hohe Hürden gerichtlich überprüfen zu lassen. Unsere Dienst- und Fachaufsichtsbeschwerde an das Justizministerium in NRW dient dazu, dass das Ministerium seine Fachaufsicht über die Staatsanwaltschaften des Landes ausübt. Wir kritisieren seit Langem, dass der Ermittlungsfokus im Tatkomplex “Colonia Dignidad” viel zu eng ist. Es fehlt an Priorisierung dieses Tatkomplexes, an notwendigen Ressourcen und dem politischen Willen, die Taten aufzuarbeiten. So kann man einem Fall von jahrzehntelanger systemischer Kriminalität nicht gerecht werden.

Rechtsanwältin Petra Schlagenhauf, Copyright: Petra Schlagenhauf

MDN: Im Statement-Papier des ECCHR sind einige Aspekte genannt, mit denen Sie im Hinblick auf die Arbeit der nordrheinwestfälischen Justizbehörden nicht einverstanden sind. Ich habe die Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen des ECCHR gebeten. Gerne würde ich die Auskunft mit Ihnen teilen und Sie schließlich um eine Einordnung der Position der Generalstaatsanwaltschaft aus Ihrem Blickwinkel bitten. In Ordnung?

AS: Ja, gerne.

MDN: Also, ich habe die Generalstaatsanwaltschaft gefragt, ob es zutrifft, dass potenzielle Zeug*innen der Hartmut Hopp zu Last gelegten Verbrechen nicht gehört wurden, obwohl seitens des ECCHR und Petra Schlagenhauf mehrfach über die Aussagebereitschaft informiert wurde.

AS: Ja, so hatten wir es in unserem Statement formuliert.

MDN: Genau. Darauf erhielt ich die Rückmeldung, dass “sämtliche erfolgversprechenden Ermittlungshandlungen vorgenommen worden” seien. Zu der Befragung der von Ihnen benannten Zeug*innen heißt es: “Soweit einzelne – benannte – Zeugen nicht oder nicht wiederholt vernommen worden sind, beruht dies auf der Wertung, dass keine Anhaltspunkte dafür vorgetragen oder sonst ersichtlich sind, dass diese Vernehmungen den Nachweis strafbaren Verhaltens des vormals Beschuldigten ermöglichen könnten.“ Das klingt wie das Gegenteil von dem, was Sie im Statement-Papier formuliert haben. Wie passt das zusammen?

AS: Es geht um die Wahrnehmung dessen, was in der Colonia Dignidad passiert ist. Die Staatsanwaltschaften haben einen sehr eingeschränkten Blick auf den einen Fall und sehen den Kontext nicht, in dem die Verbrechen stattgefunden haben. Es ist aber wichtig, dies zunächst zu ermitteln, um sich dann mit den neuen Erkenntnissen wieder dem spezifischen Fall zuzuwenden. Wir werfen Hopp ja vor, als Teil des “Systems Colonia Dignidad” und der Führungsriege, eine Verantwortung zu tragen und nur zum Teil als direkter Täter. Diese individuelle Verantwortung in einem Organisationsgefüge, aus dem heraus schwere Straftaten begangen werden, bedarf aufwendiger Ermittlungen. Die von uns benannten Zeug*innen und Expert*innen hätten dazu wertvolle Hinweise liefern können.

MDN: Als nächstes habe ich gefragt, ob es stimmt, dass die Ermittlungen sich nur auf wenige Täter*innen und Tatzeiten beschränkten, obwohl die Colonia Dignidad jahrzehntelang Ort einer Vielzahl schwerer Menschenrechtsverbrechen war. Seitens der Generalstaatsanwaltschaft heißt es: „Nach dem Ergebnis der umfassenden Ermittlungen bestand auch kein Anlass, Ermittlungen gegen andere Personen einzuleiten. Insoweit ergab sich nicht der hierfür erforderliche Anfangsverdacht (§§ 152 Abs. 2, 160 Abs. 1StPO) konkreter verfolgbarer strafbarer Handlungen.“ Wie ist das aus Ihrer Sicht zu verstehen?

AS: Die Staatsanwaltschaft Krefeld hat es in ihren Ermittlungen versäumt, den Tatkomplex “Colonia Dignidad” den systematischen und über Jahrzehnte andauernden Verbrechen angemessen und umfassend zu ermitteln. Die Strukturen, Hierarchien, Befehlsketten und Systematik der Verbrechensbegehung und – verschleierung erfordern ähnlich wie in Bereichen der organisierten Kriminalität oder anderen Formen der Makrokriminalität, entsprechende Priorisierung, Ressourcen und spezifisches Wissen. Die Staatsanwaltschaft Krefeld, noch die Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf, haben den Verbrechenskomplex Colonia Dignidad hinreichend erfasst und als solchen behandelt. Unsere Strafanzeige 2011 richtete sich allein gegen Hopp mit der Aufforderung, etwa dem Tatkomplex des Verschwindenlassens in Zusammenarbeit mit der DINA auf dem Gelände der Colonia Dignidad insgesamt nachzugehen, und nicht nur, wie geschehen, in drei Einzelfällen, um die Dimension sowie die Verantwortung der Colonia-Führungsriege zu erfassen. Dass Hopp der Mittelsmann der Colonia zur DINA gewesen ist, können mehrere Zeugen bestätigen.

Colonia-Arzt Hartmut Hopp (rechts) mit Diktator Augusto Pinochet (links), Quelle: Diario El Centro, Talca, vom 10.04.2001.; ECCHR

MDN: Das ECCHR hatte im Statement-Papier außerdem gefragt, warum weder Landes- noch Bundeskriminalamt in die Ermittlungen einbezogen wurde. Die Generalstaatsanwaltschaft hält diese „Aufgabenübertragung/-übernahme durch eine andere als die beteiligte Polizeibehörde” nicht für notwendig. Warum sieht das ECCHR dies anders und warum sollte Ihrer Meinung nach das Landes- oder Kriminalamt eingeschaltet werden?

AS: Wir fordern, dass der Komplex “Schwere Straftaten in der Colonia Dignidad” insgesamt hinsichtlich der noch nicht verjährten Delikte umfassend und erschöpfend ermittelt wird und die dafür notwendigen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Bei der Colonia Dignidad handelte es sich um eine verbrecherische Organisation, in der systematisch Straftaten begangen wurden. Diese richteten sich zum einen intern gegen die Bewohner*innen, um diese in dem kriminellen System gefügig zu machen und unter strikter Kontrolle zu halten. Zum anderen wurden in der Zusammenarbeit als zentraler Stelle im Süden Chiles mit der Militärdiktatur Augusto Pinochets und der Geheimpolizei DINA schwerste Straftaten und Menschenrechtsverletzungen verübt, wie Folter, Verschwindenlassen und Ermordungen von Oppositionellen. Die Ermittlungen müssen sich auf das System Colonia Dignidad, Funktionsweisen und Entscheidungswege, fokussieren sowie auf die Führungsspitze in den relevanten Tatzeiträumen (hinsichtlich der Militärdiktatur vor allem 1973 bis ca. 1976). Die Täter*innen waren allesamt deutsche Staatsangehörige, einige haben sich durch Flucht nach Deutschland, vor allem nach Nordrhein-Westfalen, chilenischen Strafverfahren entzogen. In anderen Fällen, in denen deutsche Staatsanwaltschaften zu Diktaturverbrechen in Lateinamerika ermitteln, ist das Bundeskriminalamt eingeschaltet, das durch die Zentralstelle für Kriegsverbrechen über eine besondere Expertise in diesem Bereich verfügt. Es wäre angezeigt gewesen, diese Expertise für Ermittlungen zum Gesamtkomplex Colonia Dignidad anzufordern und einzubeziehen.

MDN: Und wie geht es jetzt weiter?

AS: Wir warten auf die Ergebnisse der Fach- und Dienstaufsichtsbeschwerde sowie den Antrag auf Ermittlungserzwingung beim OLG Düsseldorf. Dann sehen wir weiter.

MDN: Danke für den Einblick in die komplexen juristischen Prozesse.

AS: Sehr gerne.

 


Weiterführende Links zu dem Thema Colonia Dignidad vom ECCHR (Auswahl):

  • “Rechtliche Stellungnahme des ECCHR zum Beschluss des Oberlandesgerichts Düsseldorf in Sachen Hartmut Hopp/ Colonia Dignidad” – Hier entlang!
  • “ECCHR-Stellungnahme zu der Rolle von Hartmut W. Hopp innerhalb der Colonia Dignidad” – Hier entlang!

Akteur*innen & Projekte/Interviews

Die Broschüre von Amnesty International über die Colonia Dignidad von 1977

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Die Broschüre von Amnesty International über die Colonia Dignidad von 1977

Zur Broschüre “Colonia Dignidad – deutsches Mustergut in Chile – ein Folterlager der DINA”

Im März 1977 publizierte die bundesdeutsche Sektion von Amnesty International (ai) eine Broschüre mit dem Titel “Colonia Dignidad – deutsches Mustergut in Chile – ein Folterlager der DINA*”. Zeitgleich veröffentlichte die Zeitschrift der STERN einen Artikel über die Colonia Dignidad. Die Autoren der Amnesty-Broschüre waren Jürgen Karwelat und die Chile-Koordinationsgruppe von Amnesty International (deutsche Sektion), darunter Dieter Maier. In dieser Schrift wurden zum ersten Mal die Folterberichte der chilenischen politischen Gefangenen Erick Zott, Luis Peebles und Adriana Bórquez wiedergegeben. Die Publikation schlug entsprechend große Wellen und ist für die Geschichte der Colonia Dignidad von großer Bedeutung. Im folgenden Interview berichtet Dieter Maier von den Umständen dieser Veröffentlichung und gibt einen Einblick in seine persönlichen Erfahrungen zu der Zeit. Weil die Broschüre heute nicht mehr zu erwerben ist, hat Dieter Maier außerdem eine Kopie zum Download bereitgestellt.

Meike Dreckmann-Nielen: Wie kam es zu der Publikation der berühmten Amnesty-Broschüre?

Dieter Maier: Amnesty International hatte über einen Exilchilenen von der Foltersiedlung erfahren, die der Organisation bis dahin unbekannt war. Die ai-Gruppe lud Zott und Peebles getrennt ein, nahm ihre Aussagen auf, und lud sie dann gemeinsam ein. Parallel recherchierte Jürgen Karwelat zur Entstehung der Sekte in Chile.

MDN: Was geschah dann?

DM: Das Presseecho auf die ai-Publikation war unerwartet groß. Die Sekte brauchte sechs Wochen, ehe sie darauf reagierte. Offenbar gingen Colonia Dignidad und Diktatur davon aus, dass ai noch mehr wusste, und sondierten erst einmal die Lage. Die Pinochet-Diktatur nahm ai als Teil einer Chile-Solidaritätsbewegung wahr, die damals in vielen Ländern Einfluss auf die staatliche Politik hatte. Die von einem Geheimdienstler Jahrzehnte später in einem Gespräch mit Carlos Liberona kolportierte Version, ai sei eine Art Regierung gewesen, war aber schon damals, als ai auf dem Höhepunkt seines Ansehens stand, falsch. Die Menschenrechtsorganisation hatte ihre spezifischen Schwachpunkte. Ihr internationales Sekretariat in London, das aus Unachtsamkeit den Entwurf der Broschüre nicht gelesen hatte, war von Anfang an strikt gegen die Initiative der deutschen Sektion, von der sie aus der Presse erfuhr.

MDN: Was bedeutete das dann?

DM: DINA-Chef Manuel Contreras, der überall seine Spitzel hatte, wusste das. Er kannte auch bald die tatsächlichen Kräfteverhältnisse: “Mitarbeiter der Regierung Pinochets in Frankfurt informierten uns, dass es eine Gruppe von nicht mehr als drei Personen ist, die die Kampagne begann, und dass sie mit einer wenig bedeutsamen Unterstützung der SPD rechnen” (Heller 1993 S. 156). Zwar ist die Angabe von drei Personen untertrieben, aber die Wirkung der Broschüre lag nicht in ihrer politischen Rückendeckung, sondern darin, dass sie unbeabsichtigt das geheimste aller geheimen Folterlager der DINA aufgedeckt und eine Verbindung zwischen der Pinochet-Diktatur und Deutschland nachgewiesen hatte.

Zum Download der Broschüre als PDF hier entlang:

Broschüre Colonia Dignidad – ein Folterlager der DINA 19 77

MDN: Und was unternahm die Colonia Dignidad?

DM: Nach hektischen Sondierungen in Santiago ging die Colonia Dignidad presserechtlich gegen ai vor. Wegen der kurzen Verjährungsfristen des Presserechts drängte die Zeit. Der für Staatsschutz zuständige Frankfurter Staatsanwalt Klein konstruierte eine Unterbrechungshandlung. Er wollte dazu das Frankfurter ai-Büro durchsuchen lassen, das aber zu diesem Zeitpunkt nicht besetzt war. Er vernahm mich und begründete in dieser Vernehmung seine Zuständigkeit damit, die ai-Broschüre habe die BRD angegriffen. Es ging dabei um einen knappen Satz zum Deutschlandbezug der Colonia Dignidad. Die „Private Sociale Mission“ erkundigte sich zu ai über den Waffenhändler Gerhard Mertins und den Frankfurter Rechtsanwalt und unentwegten Nazi-Verteidiger Dr. Steinacker zu Klein.

MDN: Wie ging es dann weiter?

DM: Die deutsche Colonia-Niederlassung „Private Sociale Mission“ erwirkte schließlich eine einstweilige Verfügung gegen ai und klagte im Hauptsacheverfahren vor dem Landgericht Bonn stellvertretend für die Colonia Dignidad gegen ai wegen Verleumdung. Hans Jürgen Blanck, studierter Jurist und Colonia Dignidad-Mitglied, übernahm die Prozessführung. Obwohl Steinacker auf ihn einen “korrekten, rechtsdenkenden Eindruck” machte, überließ er dem unverdächtigen CDU-Rechtsanwalt Felix Busse die Rechtsvertretung. Dem waren die Barzahlungen aus dem Aktenkoffer und die Ausflüchte der Colonia-Leute nicht geheuer und er legte sein Mandat nieder. Die Colonia sagte über ihn, ihm habe „Flexibilität gefehlt“; er war also nicht bereit, die Lügen des Folterlagers mitzutragen.

MDN: Und wer hat den Prozess schließlich gewonnen?

DM: Amnesty International gewann den Bonner Prozess nach 20 Jahren, blieb aber auf den Kosten sitzen, denn die Klägerin Private Sociale Mission gab es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Da die Klägerin weggefallen war, konnten die Bonner Richter den Prozess ohne inhaltliche Bewertung der Zeugenvernehmungen und Protokolle von Ortsterminen beenden. Ein inhaltlich begründetes Urteil zu einem früheren Zeitpunkt hätte Rückwirkungen auf die Verfahren in Chile gehabt und womöglich Schäfers Herrschaft verkürzt. Die lange Prozessdauer wurde mehrfach von deutschen Behörden und Politikern als willkommenes Argument benutzt, sich nicht in ein “schwebendes Verfahren” einmischen zu können. In einer Akte des Auswärtigen Amtes (AA) heißt es, das AA solle „weiterhin Zurückhaltung üben“ und sich „jedweder Stellungnahme zu den Vorwürfen strikt enthalten“. Eine handschriftliche Notiz am Schluss dieses Textes lautet: „Wir haben ein objektives Interesse an der Aufklärung der Vorwürfe, können diese Aufklärung aber keinesfalls selbst vornehmen. Wir sollten uns auch nicht in die Auseinandersetzung zwischen der Colonia Dignidad einerseits und Amnesty International andererseits hineinziehen lassen.“ Die Unterschrift „Ge“ stammt offenbar vom damaligen Staatssekretär Dr. Gehloff. Die Lesart von der gebotenen Zurückhaltung bestand für viele Jahre fort.

Zum Download der Broschüre als PDF hier entlang:

Broschüre Colonia Dignidad – ein Folterlager der DINA 19 77

MDN: Wie würdest du die Bedeutung der Broschüre resümieren?

DM: Die Broschüre “Colonia Dignidad – deutsches Mustergut in Chile – ein Folterlager der DINA” enthält nur einen Bruchteil dessen, was heute über die Siedlung bekannt ist. Immerhin dokumentiert sie fehlerlos zwei zentrale Punkte: Die Misshandlungen an Chilen*innen und Deutschen. Mit ihr begann die Auseinandersetzung mit diesem Thema, die bis heute nicht abgeschlossen ist. Die Broschüre beweist, dass gut recherchierte Dokumentionen die Sache der Menschenrechte nutzen können. Das Leiden vieler deutscher Sektenmitglieder und der (zwangs)adoptierten und sexuell missbrauchten Chilenen konnte ai nicht lindern. Spätestens aber seit 1977 konnte niemand mehr sagen, sie oder er habe von nichts gewusst.

*Die DINA war Pinochets 1974 gegründeter Geheimdienst

 

Literatur:

  • Friedrich Paul Heller(=Dieter Maier), Colonia Dignidad. Von der Psychosekte zum Folterlager, Schmetterlingverlag, Stuttgart, 1993, (2. Auflage) 2016.
  • Dieter Maier, Colonia Dignidad. Auf den Spuren eines deutschen Verbrechens in Chile, Stuttgart, Schmetterlingverlag (2. aktualisierte Aufl.) 2017.

 

Akteur*innen & Projekte/Interviews

Colonia Dignidad und Strafverfolgung – Interview mit Andreas Schüller

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Colonia Dignidad und Strafverfolgung – Interview mit Andreas Schüller

Andreas Schüller, Foto: ECCHR, Schüller

Die Strafverfolgung von in der Colonia Dignidad begangenen Menschenrechtsverbrechen zeigte sich in den vergangenen Jahrzehnten als zäher und mühseliger Prozess. Immer wieder wird seitens Opferverbänden eine andauernde Straflosigkeit von einstigen Täter*innen beklagt. Das European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) nimmt die juristische Aufarbeitung der durch die Colonia Dignidad begangenen Menschenrechtsverbrechen bereits seit seiner Gründung 2008 in den Blick. Im Interview erzählt der Jurist Andreas Schüller von den Schwierigkeiten, welche die juristische Verfolgung der zahlreichen Verbrechen heute mit sich bringt. Er geht dabei auch auf den komplizierten Fall des ehemaligen Colonia-Arztes Hartmut Hopp ein. 

Interview von Meike Dreckmann-Nielen mit Andreas Schüller vom ECCHR 

Meike Dreckmann-Nielen: Wer sich mit der juristischen Aufarbeitung der Colonia Dignidad beschäftigt, kommt an der Arbeit des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) nicht vorbei. Können Sie unseren Leser*innen erklären, was das ECCHR genau ist und wie es arbeitet?

Andreas Schüller: Das ECCHR ist eine Menschenrechtsorganisation aus Berlin, die sich vor allem mit rechtlichen Mitteln für eine Durchsetzung der Menschenrechte einsetzt. Wir reichen dort Klagen, Anzeigen oder Schriftsätze ein oder fertigen Rechtsgutachten an, wo wir eine Chance sehen, etwas verändern zu können. Dies betrifft zum Beispiel unser Vorgehen gegen europäische Unternehmen, wenn diese Menschenrechte im Ausland verletzen und wir über unsere Netzwerke gemeinsam mit Betroffenen überlegen, wie wir die Rechtsverletzungen adressieren und vor Gerichte bringen können. Gleiches gilt für Folter, Kriegsverbrechen und sexualisierte Gewalt. Oftmals können diese Fälle nicht vor Gerichte in dem Land gebracht werden, in dem sie begangen werden, da staatliche Sicherheitskräfte die Täterinnen sind.

Meike Dreckmann-Nielen: Und was können Sie dann tun?

Andreas Schüller: Wir suchen dann nach Wegen in anderen Ländern oder vor internationalen Gerichten, die Völkerstraftaten verfolgen zu lassen. Unsere Organisation arbeitet in vielen Netzwerken mit anderen Jurist*innen, Researcher*innen, NGOs, Betroffenen und vielen anderen, um Fälle aufzuarbeiten, einzureichen und zu unterstützen. Auch wenn unser Sitz in Berlin ist, arbeiten wir sehr transnational und verbunden mit vielen anderen, die dieselben Ziele wie wir verfolgen. Rechtliche Prozesse und Entscheidungen haben eine große Tragkraft, die wiederum andere politische Prozesse beeinflussen oder umleiten kann. Staatliche Akteur*innen oder Unternehmen werden gezwungen, ihr Verhalten zu verändern. Wichtig ist vor allem, die einzelnen Fälle zu kontextualisieren und politisch zu begleiten, um eine größtmögliche Wirkung zu entfalten und Veränderung zu bewirken.

Meike Dreckmann-Nielen: Wie sind Sie denn persönlich zum ECCHR gekommen und welche der Themen gehören schwerpunktmäßig zu Ihrem Aufgabenbereich?

Andreas Schüller: Ich habe in drei Ländern Jura studiert und mich auf Völkerrecht und Völkerstrafrecht spezialisiert. Beim ECCHR arbeite ich seit 2009, was sehr lange klingt, aber viele Fälle und Themen begleiten unsere Arbeit über viele Jahre und erst durch die langjährige Befassung mit bestimmten Fällen schafft man auch Veränderungen. Mein Fokus liegt auf Völkerstraftaten und rechtlicher Verantwortung. Das reicht von Folter in Guantanamo und Drohnenangriffe über Völkerstraftaten in Syrien bis hin zu lateinamerikanischen Diktaturverbrechen.

Meike Dreckmann-Nielen: Wie kam es dazu, dass sich das ECCHR des Themas Colonia Dignidad angenommen hat und welchem Teil dieses komplexen Themas widmet sich das ECCHR schwerpunktmäßig?

Andreas Schüller: Das Thema Colonia Dignidad hat das ECCHR seit seiner Gründung 2008 verfolgt, da es um schwerste Menschenrechtsverletzungen geht, die immer noch nicht hinreichend aufgearbeitet wurden und in denen es einen engen Bezug zu Deutschland gibt. Die Unterstützung einer verbrecherischen Diktatur durch eine deutsche Siedlung ist an sich schon ungewöhnlich. Umso skandalöser ist es, dass der deutsche Staat und die Justiz bis heute ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden ist, die begangenen Straftaten aufzuarbeiten und zu verfolgen. Aus diesem Grund haben wir Strafanzeigen gegen in Deutschland lebende ehemalige Führungsmitglieder der Colonia Dignidad eingereicht und fordern seit mehreren Jahren, dass die deutsche Justiz die Verbrechen umfassend ermittelt und strafrechtlich verfolgt.

Meike Dreckmann-Nielen: Haben Sie im Kontext Ihrer Arbeit über die Jahre einen Fall bearbeitet oder kennengelernt, der mit dem der Colonia Dignidad vergleichbar wäre?

Andreas Schüller: Wirklich vergleichbar sind die meisten Fälle nicht. Was im Fall der Colonia Dignidad auffällt, ist das totale Versagen auf deutscher Seite, das Geschehene rechtlich aufzuarbeiten, trotz der vielen Bezüge nach Deutschland und des langen Zeitraums, in dem bekannt ist, was in der Siedlung geschah. Vergleichbar zu anderen Fällen ist, dass es gut organisierte kleine Täterkreise gibt, die über Jahre ein perfides Verbrechenssystem aufbauen und betreiben konnten. Vergleichbar ist auch, dass sie es mehrheitlich geschafft haben, davonzukommen – mit Ausnahme derer, die in hohem Alter letztlich von der chilenischen Justiz verurteilt wurden.

Meike Dreckmann-Nielen: Wann würden Sie davon sprechen, dass die Verbrechen der Colonia Dignidad juristisch aufgearbeitet wurden?

Andreas Schüller: Es muss umfangreich ermittelt werden. Das heißt, dass vor allem diejenigen Zeug*innen, die in Deutschland leben, vernommen werden müssen. Und zwar von erfahrenen Ermittler*innen, die sich mit der Colonia Dignidad auskennen. Jetzt ist die Zeit dafür, denn der Druck auf Zeug*innen ist nicht mehr so hoch wie früher und es gibt mehr Kenntnis darüber, was geschah. Einige sind dabei, sich mehr und mehr zu öffnen. Es geht uns nicht primär um Verurteilungen, sondern darum, dass die Vorwürfe und Beweise vor Gericht verhandelt werden. Nur so ist eine juristische Aufarbeitung möglich.

Meike Dreckmann-Nielen: Hartmut Hopp wurde in Chile verurteilt, weil er Beihilfe zu der sexualisierten Gewalt an Kindern durch Paul Schäfer geleistet haben soll. Wie genau kam es zu der Verurteilung?

Andreas Schüller: Hartmut Hopps Rolle und Funktion innerhalb der Führungsriege wurden in Chile aufgearbeitet. Er hat sich an dem Verfahren beteiligt und dagegen verteidigt. Am Ende waren die Richter aber von seiner Mitverantwortlichkeit aufgrund seiner Stellung und Nähe zu Paul Schäfer überzeugt, weshalb er verurteilt wurde.

Meike Dreckmann-Nielen: Hartmut Hopp entzog sich dieser Strafe ja schließlich, indem er 2013 nach Deutschland ausreiste. Das ist möglich, weil Deutschland und Chile kein Auslieferungsabkommen vereinbart haben. Im Jahr 2014 beantragte die chilenische Justiz schließlich, die Haft in Deutschland zu vollstrecken. Warum ist das bis heute nicht geschehen?

Andreas Schüller: Das ist wahr. Deutschland liefert keine eigenen Staatsbürger aus, das ist im Grundgesetz garantiert. Aber es ist möglich, ausländische Verurteilungen in Deutschland anerkennen zu lassen, so dass eine Freiheitsstrafe hier vollstreckt wird. Im Fall von Hartmut Hopp hat das Oberlandesgericht Düsseldorf jedoch sehr hohe, aus unserer Sicht zu hohe, Maßstäbe an das Urteil der chilenischen Justiz angelegt. Zudem fehlte das Verständnis dafür, wie die Colonia Dignidad funktionierte. Andererseits haben es die Staatsanwaltschaften in Deutschland unterlassen, selbst die erforderlichen Ermittlungen durchzuführen. So entsteht Straflosigkeit für schwerste systematische Verbrechen.

Meike Dreckmann-Nielen: Es klingt förmlich so, als gäbe es handfeste Beweise, die einfach nicht gesehen werden (wollen). Was macht den Fall Hartmut Hopp denn so kompliziert?

Andreas Schüller: Das lange Abwarten der deutschen Justiz hat zum einen dazu geführt, dass viele Taten schon verjährt sind. Außerdem geht es um Hartmut Hopps Verantwortlichkeit aufgrund seiner Stellung und Position in einer Organisationsstruktur, die Verbrechen begangen und ermöglicht hat. Die chilenischen Ermittlungen sind logischerweise im Hinblick darauf geführt worden, was vor chilenischen Gerichten Standard ist, um zu einer Verurteilung zu gelangen. Da sich das deutsche Strafrecht schon unterscheidet, können die Zeugenbefragungen aus Chile hier nur Anhaltspunkte geben. Für ein deutsches Verfahren müssten im Grunde genommen alle Zeug*innen erneut befragt werden. Das ist aufwendig und bedarf des entsprechenden politischen Willens, dies zu priorisieren und die erforderlichen Ressourcen zur Verfügung zu stellen.

Meike Dreckmann-Nielen: Es gibt einige ehemalige Anhänger*innen der Colonia Dignidad, die Hartmut Hopp bis heute als Opfer Paul Schäfers verteidigen. Wie gehen Sie beim ECCHR mit den Kategorien Opfer und Täter*in um?

Andreas Schüller: Das ist ein wichtiger Punkt, der in einem Strafverfahren auch Berücksichtigung finden würde. Dennoch entschuldigt erlittenes Unrecht nicht, selbst anderen Menschen Leid zuzufügen oder andere dabei zu unterstützen, dies tun zu können. Dies betrifft vor allem auch die Kollaboration mit der Pinochet-Diktatur.

Meike Dreckmann-Nielen: Viele Leser*innen kontaktieren mich und fragen, was sie tun können für die Unterstützung von Opfergruppen und die Aufarbeitung. Haben Sie konkrete Anknüpfungsstellen, an denen eine engagierte Öffentlichkeit Sie und Ihre Arbeit unterstützen kann?

Andreas Schüller: Wichtig ist, dass das Thema präsent bleibt. Es muss allen Verantwortlichen in Justiz und Politik klar sein, dass dies die letzten Jahre sind, noch etwas zu ändern. Ansonsten wird ein historisches Versagen der deutschen Justiz, die seit 1965 Hinweise auf von deutschen Staatsbürger*innen im Ausland begangene Straftaten hat, in die Geschichtsbücher eingehen. Hilfe ist vor allem für die Betroffenen dringend erforderlich, hier und in Chile, die oftmals in sehr prekären Verhältnissen leben müssen. Sie verdienen jede Art der Unterstützung.

Meike Dreckmann-Nielen: Vielen Dank für den Einblick in Ihre Arbeit.

 


Weiterführende Links zu dem Thema Colonia Dignidad vom ECCHR (Auswahl):

  • “Rechtliche Stellungnahme des ECCHR zum Beschluss des Oberlandesgerichts Düsseldorf in Sachen Hartmut Hopp/ Colonia Dignidad” – Hier entlang!
  • “ECCHR-Stellungnahme zu der Rolle von Hartmut W. Hopp innerhalb der Colonia Dignidad” – Hier entlang!

 

 

Akteur*innen & Projekte/Interviews

Das Auswärtige Amt und Colonia Dignidad – Interview mit David Bartels

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Das Auswärtige Amt und Colonia Dignidad – Interview mit David Bartels

Bild aus dem chilenischen Nationalarchiv, Bildrecht: CDPHB

David Bartels ist stellvertretender Leiter des Referats für Grundsatzfragen mit Bezug auf Lateinamerika und die Karibik im Auswärtigen Amt. Im Sommer 2018 kam er von seinem Posten in Washington nach Berlin und ist seither für das Thema Colonia Dignidad im Auswärtigen Amt zuständig. Im Sommer 2020 geht es für Bartels gemäß des Rotationsprinzips auf seinen nächsten Posten nach Riga. Im Interview zieht er Bilanz über die letzten Jahre und erzählt u.a. von der Rolle des Auswärtigen Amtes in der Geschichte der Colonia Dignidad, seiner Arbeit im Ministerium und von den Auswirkungen von COVID-19 auf die Aufarbeitung der Colonia Dignidad heute.

Interview mit David Bartels vom Auswärtigen Amt zum Thema Colonia Dignidad

Meike Dreckmann: Lieber Herr Bartels, für viele Leser*innen ist die Arbeit einer obersten Bundesbehörde wie dem Auswärtigen Amt nur abstrakt vorstellbar. Könnten Sie uns einen kurzen Einblick in Ihren Arbeitsalltag geben? Wie müssen wir uns Ihre Zuständigkeit für das Thema Colonia Dignidad vorstellen?

David Bartels, Auswärtiges Amt

David Bartels: Ich bin stellvertretender Leiter des Referats für Grundsatzfragen mit Bezug auf Lateinamerika und die Karibik sowie direkt zuständig für die bilateralen Beziehungen zu Argentinien und Chile. Daher kommt auch meine Zuständigkeit für die Colonia Dignidad. In meinem Arbeitsalltag beschäftige ich mich viel mit Berichten und Analysen aus den Staaten, für die ich zuständig bin. Ich stehe in Kontakt zu den Botschaften Chiles und Argentiniens und bereite z.B. Gesprächsunterlagen und Sachstände für hochrangige Kontakte vor. Der Schwerpunkt wechselt ständig. Es gibt Zeiten, da dominiert das Thema Colonia Dignidad deutlich. Und auch hier gibt es viele Unterbereiche. Die Arbeit rund um die Gemeinsame Kommission von Bundestag und Bundesregierung hat viel Zeit in Anspruch genommen, als das Hilfskonzept erstellt wurde. Zuletzt gab es mehr für mich zu tun bei der bilateralen Zusammenarbeit mit der chilenischen Regierung, z.B. zur Frage der Errichtung einer Dokumentations- und Gedenkstätte für die Opfer der Colonia Dignidad.

MD: Wann sind Sie persönlich erstmals mit dem Thema Colonia Dignidad in Berührung gekommen?

DB: Privat als Kind oder Jugendlicher. Da war das für mich einfach eine schreckliche, aber auch irgendwie schwer vorstellbare Geschichte aus einem fernen Land. Im Amt dann erst wieder im Sommer 2018, als ich meinen jetzigen Posten übernahm. Je mehr ich mich in die Thematik einarbeitete, desto furchtbarer wurde das Bild dessen, was dort geschehen ist.

MD: Welche Rolle hat das Auswärtige Amt in der Geschichte der Colonia Dignidad aus Ihrer Sicht gespielt?

DB: Es sind schwere Fehler gemacht worden, gar keine Frage. Ich habe mir viele Akten dazu durchgelesen, um zu verstehen, was in den Köpfen der Kolleg*innen damals an der Deutschen Botschaft oder auch in der Zentrale in Bonn vor sich ging. Und da habe ich gemerkt, dass es eine große Bandbreite gibt. Manches ist für mich unerklärlich. Bei anderen Akten sieht man aber auch, dass da Beamte mit sich selbst gerungen haben. Und dann gab es auch eine Zeit in den 1980er-Jahren, als das Auswärtige Amt unter dem damaligen Minister Genscher wirklich alles versuchte, um Licht in das Dunkel rund um die Colonia Dignidad zu bekommen. Das blieb erfolglos, denn der Diktator Pinochet wollte natürlich nicht zulassen, dass dann alle Gräueltaten bekannt würden. Alles in allem würde ich sagen: Man muss wirklich den Fall des einzelnen Beamten sehen, der da gehandelt hat. Aber unterm Strich wurden eben auch gravierende Fehler gemacht, so dass es da ganz sicher zumindest eine moralische Mitverantwortung des Auswärtigen Amtes gab.

MD: Im April 2016 hat Frank-Walter Steinmeier, damals noch als Außenminister, über die Verantwortung an den in der Colonia verübten Verbrechen gesagt, dass seitens des Auswärtigen Amtes „eindeutig zu wenig für den Schutz ihrer Landsleute in dieser Kolonie getan“ wurde. Was hat die Rede von Steinmeier damals rückblickend für Sie/Ihre Arbeit verändert?

DB: Ich war im April 2016 noch in Washington auf Posten, da habe ich das nur am Rande mitbekommen. Diese Rede bleibt aber bis heute für unsere Arbeit ganz wichtig. Wenn es dieses Bekenntnis von „ganz oben“ nicht gegeben hätte, hätten wir als Beamte uns gegenüber den Opfern zu dieser Frage schwer positionieren und allenfalls auf unsere persönliche Meinung verweisen können.

MD: Haben Sie den Eindruck, dass im Auswärtigen Amt aus den Fehlern im Umgang mit der Colonia Dignidad gelernt werden kann? Wurde das Thema wie angekündigt in den Lehrplan für angehende Diplomat*innen aufgenommen?

DB: Das glaube ich ganz sicher. Man sieht das vielleicht außen nicht so, aber das Thema Colonia Dignidad hat im Amt sehr viele Leute, bis an die Spitze des Amtes, beschäftigt. So etwas behält man im Gedächtnis. In einer vergleichbaren Lage würde man sich daran erinnern und sich sagen: Wir müssen um jeden Preis verhindern, dass sich so etwas wiederholt. Die Auseinandersetzung mit der Colonia Dignidad und dem Verhalten des Auswärtigen Amts damals ist heute in der Tat fester Bestandteil der amtsinternen Ausbildung. Es gibt dazu z.B. in der Diplomatenakademie in Tegel Veranstaltungen, teils im Rahmen der Attaché-Ausbildung, teils auch laufbahnübergreifend, zu denen auch Personen eingeladen werden, die dem Thema auf unterschiedliche Weise verbunden sind.

MD: Haben Sie selbst auch Reisen nach Chile unternommen?

DB: Ich konnte im November 2019 nach Chile reisen und war auch mit einer Kollegin aus der Botschaft in der Villa Baviera. Mir war das vorher von Kolleg*innen, die schon dagewesen waren, als ein sehr berührendes Erlebnis beschrieben worden. Und das stimmte wirklich. Da waren diese Folterstätten und die vielen Berichte von Misshandlungen, Demütigungen und Angst. Und dann tritt man vor die Tür und hat diese wunderschöne Landschaft vor Augen. Es war sehr beklemmend, aber auch sehr ergreifend, mit den Menschen einmal direkt zu sprechen, über die ich sonst nur ganz abstrakt in Akten und Berichten gelesen hatte.

MD: Mit welchen „Opfergruppen“ haben Sie dort gesprochen und wie ist die Auswahl zustande gekommen?

DB: Wir hatten über die Botschaft angeboten, über das Hilfskonzept zu informieren. Ich wollte dafür werben, dem Konzept eine Chance zu geben und mit uns zusammenzuarbeiten, ungeachtet aller – verständlichen – Vorbehalte und Kritikpunkte. Dazu gab es einen Termin außerhalb der Villa Baviera, am Folgetag einen innerhalb, wobei beide offen für sämtliche potenziellen Antragsteller*innen waren. Eine Familie haben wir noch separat getroffen, weil sie es terminlich anders nicht einrichten konnte. Uns war wichtig, dass sich keine Gruppierung bevorzugt oder benachteiligt fühlen sollte. In Deutschland gab es eine ähnliche, ebenfalls gut besuchte Veranstaltung in Hannover während eines vom Auswärtigen Amt geförderten Treffens eines Unterstützungsverbandes für Colonia Dignidad-Opfer.

MD: Und haben Sie auch mit chilenischen Opfergruppen gesprochen? Also etwa den Überlebenden von Folter, den Angehörigen von in der Colonia Verschwundenen, oder denjenigen Chilenen, die als Kinder noch in den 1990er-Jahren sexualisierte Gewalt durch Paul Schäfer erlitten?

DB: Ja, in Chile waren einige – allerdings wenige – Chilen*innen dabei, die in der Colonia Dignidad missbraucht worden waren, ohne dort gelebt zu haben; und auch Zwangsadoptierte. Außerdem gab es per E-Mail danach Kontakt mit einigen, die Fragen zum Hilfskonzept hatten.

MD: Viele Menschen beschreiben, dass sie die Arbeit zum Thema Colonia Dignidad auch persönlich immer wieder herausfordernd erleben. Gab es auch Momente, die Sie persönlich frustriert haben?

DB: Ja, ganz klar. In der Gemeinsamen Kommission haben Abgeordnete und Ressorts wirklich alles versucht, um das Hilfskonzept so auszugestalten, dass die Betroffenen es auch würden annehmen können. Und dann gab es aber Momente, wo wir einfach rechtlich an Grenzen stießen. Schlimmer aber waren die persönlichen Berichte, die einen wirklich über den Dienst hinaus verfolgen. Es ist ja ein Unterschied, ob man etwa in Berichten abstrakt über Familientrennungen liest oder dann von einem Menschen hört, der als Kleinkind von seiner Mutter getrennt wurde und sie lebend nicht mehr wiedergesehen hat. Oder von älteren Männern hört, wie sie als kleine Jungs immer und immer wieder missbraucht wurden. Ich kann nicht ansatzweise ahnen, was die Menschen, die das alles haben durchmachen müssen, auch seelisch darunter zu leiden haben mussten und immer noch müssen.

MD: Und gibt es etwas, dass Sie mit Blick auf das Thema positiv stimmt?

DB: Ich habe das Gefühl, dass das Hilfskonzept vielen Betroffenen wirklich etwas bringt. Ganz klar: Es gibt viel Kritik und Verbitterung, und das muss man respektieren. Aber ich habe das Gefühl, dass viele doch als eine Art Abschluss empfinden, was nun geschieht: dass der Staat, besonders das Auswärtige Amt, seine moralische Mitverantwortung öffentlich eingestanden hat; dass er Menschen zu Ihnen schickt, denen sie ihre Leidensgeschichte berichten können, wenn sie das wollen und dazu in der Lage sind; dass mit den Zahlungen wenigstens eine Geste erfolgt, die über Worte hinaus anerkennt, was diese Menschen haben durchleiden müssen. Ich hoffe einfach, dass möglichst viele Ex-„Colonos“ auch dadurch ein bisschen Genugtuung und Frieden finden. Wir müssen Ihnen aber weiterhin zeigen, dass das Thema Colonia Dignidad damit nicht für uns erledigt ist, z.B. über die Errichtung der Dokumentations- und Gedenkstätte.

MD: Die Entscheidung darüber, dass nun doch Hilfszahlungen an einige Opfer der Colonia Dignidad gezahlt werden, ist nicht gleich gefallen. Im Gegenteil, es war ein langer Aushandlungsprozess. Wie ist es aus Ihrer Sicht letztendlich doch dazu gekommen? Können Sie uns einen Einblick in Ihre Perspektive auf den Prozess geben?

DB: Auch hier muss ich darauf verweisen, dass ich erst Mitte 2018 ins Referat stieß. Da war bereits die Entscheidung gefallen, Hilfszahlungen zu leisten. Es war vorher lange Zeit unklar, auf welcher rechtlichen Grundlage Zahlungen erfolgen könnten. Bei aller moralischen Mitverantwortung des Auswärtigen Amtes: Hier handelte es sich ja um Verbrechen, die nicht der deutsche Staat, sondern deutsche Privatpersonen verübt hatten, noch dazu im Ausland und ohne eine realistische Möglichkeit – auch wenn manche das anders sehen –, das alles von Deutschland aus zu stoppen. Das musste erst einmal rechtlich möglich gemacht werden.

MD: Vor einigen Wochen wurden tatsächlich die ersten Hilfsgelder an einige Opfer der Colonia Dignidad ausgezahlt. Wie sind Sie bei der Verteilung vorgegangen?

DB: Der Auszahlungsprozess wird derzeit so zügig wie möglich fortgesetzt. Beauftragt damit ist die Internationale Organisation für Migration (IOM). Sie führt Gespräche mit Betroffenen. Dann wird geprüft, ob wir etwa belastbare und ernsthafte Erkenntnisse haben, dass es sich bei der Person vielleicht nicht um ein „Opfer“ handeln könnte. Ansonsten können die Gelder ausgezahlt werden.

MD: Wie ist dieser Geldbetrag über bis zu 10.000 € zustande gekommen?

DB: Da hat sich die Gemeinsame Kommission an anderen Regelungen für Opfer verschiedener Verbrechen orientiert, wie ich schon erklärt habe. Es ist natürlich allen klar ist, dass kein Geld der Welt das erlittene Leid der Betroffenen aufwiegen kann. Aber es handelt sich um eine Hilfsleistung, die gleichzeitig eine Geste der Anerkennung des Leids sein soll.

MD: Welche Auswirkung hat die weltweite Ausbreitung von COVID-19 auf die Auszahlungen der Hilfsgelder an die Opfer der Colonia Dignidad?

DB: Würden wir weitermachen wie bisher, würde das Verfahren wohl ins Stocken geraten. Die persönlichen Gespräche zwischen IOM und Betroffenen sind ja ganz wichtig. Aber mit den jetzigen Reisebeschränkungen und angesichts der Tatsache, dass viele Ex-„Colonos“ alters- oder gesundheitsbedingt Risikogruppen angehören, sind persönliche Besuche kaum noch möglich. Deshalb freue ich mich, dass die Gemeinsame Kommission zugestimmt hat, dass solche Gespräche jetzt auch telefonisch ermöglicht werden, wobei persönliche Besuche dann später nachgeholt werden sollen. Entscheiden müssen das die Betroffenen selbst.

MD: Welche Hilfsleistungen hat das Auswärtige Amt neben dem Geldbetrag festgelegt?

DB: Da ist vor allem noch der Fonds „Pflege und Alter“. Wir hatten in der Vergangenheit schon pflegebedürftige Menschen in der Villa Baviera unterstützt. In Deutschland greifen zumindest die funktionierenden Sozial- und Gesundheitssysteme für Betroffene. Der Fonds eröffnet jetzt die Möglichkeit, vor allem denjenigen Ex-„Colonos“, die in Chile außerhalb der Villa Baviera leben, auch eine menschenwürdige Pflege zukommen zu lassen, indem z.B. Zahlungen direkt an Pflegeeinrichtungen geleistet werden können. Nicht unbedingt „Hilfsleistungen“, aber ebenfalls wichtige Projekte sind die geplante Dokumentations- und Gedenkstätte, das laufende Projekt „Oral History“ des Lateinamerika-Instituts der FU Berlin oder auch verschiedene Dialogseminare, die das Auswärtige Amt fördert.

MD: Wo sieht sich das Auswärtige Amt hingegen nicht in der Verantwortung?

DB: Das Auswärtige Amt ist vor allem nicht für die Verbrechen selbst, die in der Colonia Dignidad verübt worden sind, verantwortlich. Ich verstehe die Verbitterung gegenüber dem Amt bei vielen Opfern sehr gut. Aber ich habe auch Äußerungen erlebt, die in die Richtung gingen, dass die Botschaft oder jedenfalls die Bundesregierung damals in Bonn das Schäfer-Regime einfach hätten beenden können, wenn man nur gewollt hätte. Das halte ich wirklich für ausgeschlossen, zumal das Auswärtige Amt ja in den 1980er-Jahren, wie schon gesagt, dann tatsächlich alles versucht hatte, um die Strukturen der Colonia Dignidad aufzubrechen und den „Colonos“ zu helfen; leider vergebens.

MD: In der heutigen Villa Baviera leben inzwischen viele Familien. Diejenigen, die Kinder bekommen konnten, fühlen sich heute mit der Kindererziehung oft überfordert. Bei wem können sie sich Hilfe holen? Hat jemand einen Blick auf die dritte Generation, die gerade mit ihren traumatisierten Eltern in Chile heranwächst?

DB: Das Auswärtige Amt bietet über die Botschaft psychologische Unterstützung an, z.B. werden Therapien bezahlt – für einzelne Personen, aber auch für Familien. Aber man muss da realistisch sein: Weder das Amt noch die Botschaft können in jeder Lebenslage zur Hilfestellung bereit stehen. Dafür haben wir weder die Expertise, noch die Mittel. Das heißt nicht, dass wir solche Probleme nicht ernst nehmen würden. Wir müssen prüfen, ob und was da geleistet werden könnte.

MD: Sie kennen die Einzelheiten der Colonia Dignidad gut. Sie wissen sicherlich, dass es zahlreiche chilenische Zeugen gibt, die aussagen, dass sie von dem damaligen Arzt der Gruppe, Hartmut Hopp, als Kinder mit Psychopharmaka ruhiggestellt wurden, bevor sie sexualisierter Gewalt durch Schäfer ausgesetzt wurden. Diese Zeugen wurden nie in Deutschland gehört. Trotz aller Vorwürfe verteidigen einige ehemalige Colonia-Anhänger*innen den Arzt bis heute. Andere halten es für schlicht unerträglich, dass der Mann juristisch in Deutschland nie belangt wurde. Können Sie die Entscheidung des Oberlandesgerichts nachvollziehen?

DB: Ich kann nur sagen: Natürlich habe ich eine persönliche Meinung dazu. Aber für uns als Bundesregierung gilt, dass wir uns in die Arbeit und Entscheidungen der Justiz nicht einmischen können und dürfen. Und das ist in einem demokratischen Rechtsstaat auch grundsätzlich richtig so, auch, wenn es im Einzelfall manchmal sehr bitter sein kann, dann schweigen zu müssen.

MD: Geht das Auswärtige Amt noch Hinweisen nach dem Vermögen nach, welches Paul Schäfer angehäuft und versteckt haben soll?

DB: Ja, aber das ist ein sehr schwieriges Unterfangen – wie übrigens eigentlich alles, was mit Vermögensanteilen, Eigentumsverhältnissen usw. rund um die ehemalige Colonia Dignidad oder die heutige Villa Baviera zu tun hat. Vereinfacht gesagt: Immer, wenn man meint, etwas durchschaut zu haben, tuen sich neue Untiefen und Verästelungen auf. Dazu kommen manchmal abenteuerlich anmutende Gerüchte und Verdächtigungen. Mein Eindruck ist, dass wir noch sehr lange damit zu tun haben werden. Zumal es in der Regel ja gerade nicht um in Deutschland geparkte Vermögenswerte geht, die wir mit deutschem Recht aufklären könnten.

MD: Es ist üblich für Mitarbeitende des Auswärtigen Amtes alle paar Jahre ihren Zuständigkeitsbereich nach dem Rotationsprinzip zu wechseln. Ein solcher Wechsel steht auch Ihnen bald bevor. Wenn Sie heute hier ein Resümee ziehen müssten, wie würde dies mit Blick auf die Aufarbeitung der Colonia Dignidad ausfallen?

DB: Stimmt, im Sommer geht es für mich an die Botschaft nach Riga. Ich muss sagen, das Thema Colonia Dignidad hat mich viel stärker berührt als irgendetwas sonst, womit ich im Auswärtigen Amt je zu tun gehabt hätte. Ich glaube, das geht allen so, die sich damit ausführlicher beschäftigen. Aber so schrecklich das Thema an sich war und ist, kann ich rückblickend auch manches Positive sehen: Das Hilfskonzept wird umgesetzt und kann Opfern der Colonia Dignidad wirklich helfen. Und in der Gemeinsamen Kommission war ich sehr beeindruckt davon, wie nachdrücklich und leidenschaftlich Abgeordnete und Regierungsvertreter*innen, immer stärker gemeinsam, zusammengearbeitet haben, um das bestmögliche Konzept auf die Beine zu stellen. Ich hoffe einfach, dass die Hilfe weiterhin angenommen wird und möglichst viele Opfer der Colonia Dignidad damit auch ein Stück weit Frieden finden können.

MD: Ich danke Ihnen für das Gespräch.

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Weitere Interviews zum Thema finden Sie hier

Zum Interview mit Renate Künast hier entlang.

Das Gespräch mit Dr. Elke Gryglewski über das geplante Gedenkstättenprojekt finden Sie hier

Akteur*innen & Projekte/Forschungseinblicke/Interviews

“Songs of Repression” – neue Doku über das Leben nach der Colonia Dignidad

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“Songs of Repression” – neue Doku über das Leben nach der Colonia Dignidad

Ein Bewohner vor einer Sauna in der ehemaligen Colonia Dignidad

Im März 2020 feierte der Dokumentarfilm “Songs of Repression” von den Filmemacher*innen Marianne Hougen-Moraga und Estephan Wagner Premiere auf dem diesjährigen Internationalen Dokumentarfilmfestival Kopenhagen (CPH:DOX). Dort gewann er gleich zwei Preise: einen für den besten dänischen Film (Politiken:Dok:Award) und den Hauptpreis des Festivals, den DOX:Award. Ende dieser Woche läuft er auch (online) beim DOK.fest in München an.

Inzwischen hat es zahlreiche dokumentarische und journalistische Filmprojekte zum Thema Colonia Dignidad gegeben. “Songs of Repression” nähert sich der Thematik aus einem besonderen Blickwinkel: Er nimmt die Erinnerungen der bis heute in der ehemaligen Colonia Dignidad lebenden Menschen in den Blick. Er schaut sich an, wie die Menschen ihrer Vergangenheit in der Colonia Dignidad rückblickend Sinn verleihen. Dabei bemüht er sich nicht darum, eine detaillierte Chronik der historischen Ereignisse zu zeigen. Er nimmt vielmehr die individuellen Bewältigungsstrategien in den Fokus. Die Geschichten der Sprechenden erzählen von unterschiedlich erfolgreichen Strategien: von Verdrängung, Verleugnung, Reue, Schuld, über Trauer, Überforderung; hin zu kleinen Freuden, Hoffnung und Sehnsucht.

Drei Männer in der Villa Baviera beim Musizieren, Foto: Wagner & Hougen-Moraga

Musik durchzieht den Film als zentrales Motiv wie ein roter Faden. Deshalb auch der Titel “Songs of Repression”, welchen die Filmemacher*innen für den 90-minütigen Film gewählt haben. Die Rolle der Musik habe die Filmemacher*innen besonders beschäftigt, weil sie als etwas “eigentlich schönes und freies” in der Colonia Dignidad auch zu einem Werkzeug der Repression verwandelt worden sei.

Die Berliner Professorin für Musiktherapie, Susanne Bauer, war nach der Festnahme Paul Schäfers Teil eines Psychotherapeut*innen-Teams, welches die Menschen der Colonia Dignidad psychotherapeutisch betreute. In einem Aufsatz zur Rolle von Musik in der Colonia schreibt sie:

Sie [die Musik, Anm. MD] war in vielen Fällen ein Mittel zur Unterdrückung, Demütigung und Beschämung, gleichzeitig aber auch ein Gegenmittel zu so mancher malignen Intention von Sektenführer Schäfer. In und mit ihr konnte man gute Gefühle spüren, die nicht einfach zunichte gemacht oder weggenommen werden konnten. (1)

Bis heute polarisiert das Thema Musik in der ehemaligen Colonia Dignidad. Während einige bis heute Freude an Chor-Gesang haben, musizieren manche lieber alleine und wieder andere schließen kategorisch für sich aus, jemals wieder singen zu wollen. Was manche rückblickend als gemeinschaftsstiftend empfanden, wirkt bei anderen schon bei dem Gedanken daran retraumatisierend. Zu schmerzhaft die Repressionen, die sie in Chor oder Orchester erleben mussten. Wieder anderen ist die Musik ein Rückzugsort, an den sie sich zurückziehen, um ihre Vergangenheit für einen Moment ruhen zu lassen. “Songs of Repression” gibt all diesen Empfindungen Raum und lässt sie dennoch nie alleine stehen. Denn jede Geschichte einer Person ist nur einen präzisen Schnitt von einer anderen Perspektive entfernt.

Was der Film leider nicht berücksichtigt, ist die Bedeutung von klassischer Musik für chilenische Oppositionelle, die während der Militärdiktatur zu Stücken von Tschaikowsky oder Mozart in der Colonia Dignidad gefoltert worden sind. Eine Geheimdiensttechnik, die den “Schwanensee” oder “Eine kleine Nachtmusik” in zynische Waffen gegen Menschen verwandelte.

Chor singt auf dem Friedhof der Villa Baviera, Foto: Wagner & Hougen-Moraga

Insgesamt ist ein beeindruckend aufmerksamer und sensibler Dokumentarfilm entstanden, dem es gelingt, vielschichtige Facetten von Erinnerungen an ein totalitäres System einzufangen. Ein Film mit viel Empathie für die traumatischen Erfahrungen Einzelner, aber vor allem mit einem kritischen und differenzierten Blick auf die komplexen Zusammenhänge der konfliktbehafteten Erinnerungskultur in der heutigen Villa Baviera. Spannend ist dabei, dass ihm das nahezu ausschließlich mit den Erinnerungen von Zeitzeug*innen gelingt. Während andere Produktionen manchmal versuchen, die Moral mit dem Vorschlaghammer einzubläuen und damit Gefahr laufen, den Blick für die Komplexität des Themas zu verlieren, gelingt es dieser Produktion viel subtiler, sich an den Kern erinnerungskultureller Aushandlungsprozesse heranzutasten.

Estephan Wagner und Marianne Hougen-Moraga

Die beiden Regisseur*innen Marianne Hougen-Moraga und Estephan Wagner sind ein Paar und leben heute in Kopenhagen. Sie ist Dänin-Chilenin und er Deutsch-Chilene. Das Thema Colonia Dignidad beschäftigt sie nicht erst seit dem gemeinsamen Filmprojekt “Songs of Repression”. Beide begegneten der Colonia Dignidad bereits im Kindes- und Jugendalter. Allerdings aus zwei gegensätzlichen Perspektiven, die vielen Chile*innen bekannt vorkommen dürften. Wagner kannte die Gruppe um Schäfer von dem Familienrestaurant “Casino Familar”, welches die Colonia in der chilenischen Stadt Bulnes betrieb. (2) Auf dem Weg in den Urlaub nach Südchile wählte seine Familie das Restaurant der deutschen Siedler*innen, weil ihnen das deutsche Essen schmeckte und ihnen der Ort gefiel. Seine Familie verteidigte die Gruppe und ihr Vorzeige-Image gegen Anfeindungen und Vorwürfe. Hougen-Moragas Familie hingegen kannte früh die Gerüchte von dem Folterlager, welches der chilenische Geheimdienst DINA in der Colonia Dignidad eingerichtet hatte. Sie wusste, dass in der Colonia Dignidad im Auftrag der Militärdiktatur Augusto Pinochets gefoltert und gemordet wurde. Sie wuchs bei ihrer Mutter im dänischen Exil auf und kannte die Warnungen vor der Gruppe um Paul Schäfer.

Als die beiden Filmemacher*innen sich in ihren 30ern kennenlernten, hatten sie längst begonnen, die Geschichten über die Colonia Dignidad weiter zu hinterfragen. Beiden war klar: Sie wollten sich von einem Schwarz-Weiß-Bild ihrer Kindheit und Jugend lösen und die komplexen Facetten in den Blick nehmen, welche die Geschichte der Colonia Dignidad mit sich bringt. Insgesamt besuchten sie die heutige Villa Baviera und ihre Bewohner*innen über einen Zeitraum von dreieinhalb Jahren in regelmäßigen Abständen. Gemeinsam mit ihren Kindern zogen sie für sechs Monate in die nähergelegene Stadt Chillán. Sie ließen die Menschen sprechen und luden sie ein, ihre Sichtweisen auf die eigene Vergangenheit zu teilen. Dabei hatten sie das Ziel vor Augen, die Menschen zu verstehen und die Logik der historischen Sinngebungen zu begreifen.

Auf die Frage, wie Hougen-Moraga und Wagner ihre Interviewpartner*innen ausgewählt haben, hebt Wagner im Gespräch mit diesem Blog hervor:

Wir machen keine Interviews. Wir haben uns mit den Menschen unterhalten. Das ist für uns ein riesiger Unterschied. Denn das Wort Interview beinhaltet ein Machtgefälle zwischen Interviewendem und Interviewten. Wir haben oft und auch sehr lange mit den Menschen gesprochen. Auch ohne Kamera. Wir haben auch einen ganzen Monat die Kamera gar nicht rausgeholt. Viele sind selbst auf uns zugekommen, sobald sie Vertrauen gefasst hatten.

Hougen-Moraga und Wagner fanden unterschiedliche Bewältigungsstrategien für den Umgang mit eigenen Traumata vor:

We found that behind the attempt to create a paradise for themselves and for tourists, people living there have very different strategies for dealing with their traumas: from staying silent about the past and choosing only to remember the bright moments, to a desire to open up while being unable to vocalize their pain.

Zwei ältere einstige Colonia-Anhängerinnen auf der Pflegestation der Villa Baviera, Foto: Wagner & Hougen-Moraga

Die Frage danach, wer eigentlich Opfer des Systems und wer Täter*in war, gelangt dabei in den Hintergrund. Diese Entscheidung der Filmemacher*innen hätte in Anbetracht der mangelnden Aufarbeitung der Verbrechen problematisch ausgehen können. Ist sie aber nicht – ganz im Gegenteil: Die Zuschauerin spürt in jedem Moment die Verwicklungen der gezeigten Personen und ihre individuellen Aushandlungen mit der eigenen oft schmerzhaften und auch schuldaufgeladenen Vergangenheit. Bauchbinden mit Namen, Rolle und Verantwortung im historischen System Colonia Dignidad sind in diesem Film gar nicht nötig, während sie in anderen Doku-Formaten dringender vermisst wurden. “Songs of Repression” braucht sie nicht, weil der Film nicht auf eine Kategorisierung in Schuld und Unschuld abzielt. Ein geschichtskultureller Drahtseilakt, bei dem die Filmemacher*innen die vielfältigen Bewältigungsstrategien der Betroffenen offenlegen, ohne die Sprechenden vorzuführen.

Eine weitere Besonderheit an diesem feinfühligen Dokumentarfilm ist, dass Wagner und Hougen-Moraga sich von den so genannten Talking Heads, sprechenden Köpfen, entfernt haben. Sie geben ihren Gesprächen mit den Betroffenen einen Kontext. Die Zuschauerin erhält einen Einblick in die Sekunden, manchmal Minuten vor dem offiziellen Beginn. Das verleiht den Aufnahmen eine Authentizität, wie sie Talking Heads und dramatische Erzähl-Stimmen nicht schaffen können. “Songs of Repression” braucht auch keine dramatisierende Hintergrundmusik oder eine*n Sprecher*in, die das Unbeschreibliche weiter zuspitzt. Der Schmerz der Vergangenheit und die Bewältigungsstrategien sind derart spürbar, dass keine speziellen Effekte nötig sind. Einzig präzise Schnitte, die den Perspektivwechsel dann vornehmen, wenn er dramaturgisch nötig ist, um ein komplexeres Bild von den Menschen in der ehemaligen Colonia Dignidad zu zeichnen. Die filmische Inszenierung gelingt, weil viele Nuancen eingefangen wurden und die Menschen für sich selbst sprechen dürfen.

Bewohner der Villa Baviera, Foto: Wagner & Hougen-Moraga

Dieser souveräne Umgang mit einem erinnerungskulturellen Minenfeld liegt vielleicht auch in der Erfahrung mit problematischen Vergangenheiten begründet, auf die das Team der beiden Regisseur*innen Hougen-Moraga und Wagner zurückgreifen kann. Denn die Produzent*innen Joshua Oppenheimer und Signe Bryge Sørensen haben Erfahrung mit konfliktbehafteten Erinnerungskulturen und ihren vielschichtigen Ausprägungen. Sie wagten mit dem Dokumentarfilm “The Act of Killing” (2012) eine umstrittene Annäherung an die Täter-Perspektive auf die Massaker in Indonesien 1965–1966.

Dokumentarfilm-Fans und Interessierte an der Geschichte der Colonia Dignidad sehen einen Film, der Ambivalenzen hervorhebt anstatt zu moralisieren. Aber auch ohne Geschehenes zu beschönigen. Der Film ist auf Augenhöhe mit den Betroffenen produziert worden. Und die Beziehung zwischen Filmemacher*innen und Dargestellten endete nicht mit seiner Fertigstellung. Denn Hougen-Moraga und Wagner flogen mit dem fertigen Film zunächst nach Chile, um ihn in der ehemaligen Colonia Dignidad vor der Premiere vorzuführen. Das hatten sie versprochen. Im Gespräch mit diesem Blog heben sie hervor:

Wir möchten weiterhin an dem Thema bleiben. Wir haben viel Kontakt zu den Menschen und wir haben Freundschaften geschlossen. Das ist uns ganz wichtig. Unser Interesse hört nicht auf, weil wir aufgehört haben zu drehen. Deshalb sind wir auch dorthin gefahren, um den Film zu zeigen. Das hat etwas mit Respekt zutun. Wir arbeiten auf eine Art und Weise, wo wir nichts verbergen wollen. Die Offenheit, und ich glaube, dass man das auch im Film merkt, ist uns ganz wichtig.

Was wie eine Kleinigkeit daherkommt, bedeutet den Menschen vor Ort eine Menge. Denn Vertrauen fällt den meisten bis heute nicht leicht. Und zuletzt war es für die Betroffenen häufig schwierig die Filme, Serien und Dokus, an denen sie häufig mitgewirkt haben, überhaupt zu sehen.

Vielversprechend wäre es auch, wenn Hougen-Moraga und Wagner einen zweiten Teil drehen würden – dieses Mal auch mit Perspektiven von außerhalb der Villa Baviera. Zum Beispiel mit explizitem Fokus auf die Erinnerungen der Familienangehörigen von in der Colonia Dignidad Verschwundenen. Oder auch mit Blick auf die Erfahrungen der chilenischen Jungen, die noch in den 1990er-Jahren im so genannten “Intensivinternat” der Villa Baviera zu Opfern sexualisierter Gewalt durch Paul Schäfer geworden sind. Die politische, juristische, künstlerische und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Colonia Dignidad ist längst nicht abgeschlossen.

“Songs of Repression” kann ab sofort online beim DOKfest München angesehen werden.

 


Regie: Estephan Wagner & Marianne Hougen-Moraga

Produktion: Signe Bryge Sørensen & Heidi Elise Christensen

Produktionsleitung: Joshua Oppenheimer

Filmlänge: 90 Minuten

Sprachen: Deutsch und Spanisch, englische Untertitel


 

(1) Das Casino Familiar besteht bis heute und wird von der gegenwärtigen Villa Baviera geführt.

(2) Susanne Bauer, Über die Bedeutung und den Einfluss von Musik auf Menschen in extremen Lebenssituationen am Beispiel der Sekte ‘Colonia Dignidad’ in Chile, in: Stephan Grätzel und Jann E. Schlimme (Hg.), psycho-logik, Jahrbuch für Psychotherapie, Philosophie und Kultur, Freiburg/München 2013, S. 217.

Akteur*innen & Projekte/Forschungseinblicke

“Archiv der Hölle” – ARD und ARTE zeigen Doku-Serie zur Colonia Dignidad

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“Archiv der Hölle” – ARD und ARTE zeigen Doku-Serie zur Colonia Dignidad

Paul Schäfer ca. 1970 | Bild: WDR

In den vergangenen Jahrzehnten sind einige Dokumentarfilme über die Colonia Dignidad (bspw. “Deutsche Seelen“), ein Spielfilm (“Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“) und zuletzt eine achtteilige Thriller-Serie (“Dignity”) erschienen. Das mediale Interesse an der Geschichte der Colonia Dignidad hält an: Journalist*innen, Filmemacher*innen, Tourist*innen und Wissenschaftler*innen geben sich in der heutigen Villa Baviera ununterbrochen die sprichwörtliche Klinke in die Hand. Sie wollen mehr über die Geschichte der deutschen Gruppe im Süden Chiles erfahren.

Eine Doku-Serie von ARD und Arte möchte nun “die innere Dynamik der Colonia Dignidad” zeigen und damit einen “tiefgreifenden” Blick auf das individuelle Erleben einzelner Mitglieder werfen. Neben den einstigen Colonia-Anhänger*innen kommen in der dokumentarischen Serie auch Folteropfer, Kriminalbeamte und Nachbar*innen zu Wort. Im Mittelpunkt steht aber das von den Macher*innen als “Archiv der Hölle” bezeichnete Quellenmaterial (Foto-, Film- und Tonaufnahmen), welches in der neuen Doku-Serie nun erstmals öffentlich gezeigt werden soll.

Das anonyme Kollektiv aufbrechen und das Individuum sichtbar machen

Die Doku-Serie, die am 10. März 2020 auf Arte und am 16. und 23. März 2020 im Ersten (anschließend in der Mediathek) zu sehen sein wird, will “eine deutsche Sekte am anderen Ende der Welt, die Menschlichkeit versprach und in der Unmenschliches geschah” zeigen. Sie fragt nach dem individuellen Erleben der Mitglieder und lässt sie unabhängig von ihren Verwicklungen mit dem Schäfer-System in erster Linie über ihre einstigen Ängste, Sehnsüchte, Träume und die grausame Realität berichten. Die Geschichte beginnt mit den Anfängen in Nordrhein-Westfalen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und spannt einen Bogen in die Gegenwart der Siedler*innen. Der Schwerpunkt des gewählten Doku-Narrativs liegt damit besonders auf dem individuellen Erleben der ehemaligen deutschen Schäfer-Anhänger*innen, weniger auf den chilenischen Opfergruppen. Regisseurin Annette Baumeister dazu:

“Die Doku-Serie soll mit dem gängigen Klischee der roboterhaften, gesichtslosen Kolonisten brechen und sie als Menschen mit Namen, Gefühlen und Träumen zeigen.”

Der Alltag der Colonia-Anhänger*innen war jahrzehntelang geprägt von sexualisierter Gewalt, einem despotischen Strafsystem, harter unbezahlter Arbeit und dem Verbot von Familienleben. Die Siedler*innen führten ein von der Außenwelt abgeschirmtes Leben. Der unzensierte Zugang zu Büchern und Filmen, Fernsehen, Radio und zur Außenwelt blieb den Allermeisten verwehrt. Colonia-Leiter Paul Schäfer paktierte mit der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet. Er ließ den chilenischen Geheimdienst auf dem Gelände der Colonia Dignidad foltern und morden. Einige Siedler mussten Leichenteile aus- und umgraben, verbrennen und in einen Fluss in der Umgebung verstreuen. Willi Malessa sprach darüber erstmals vor ein paar Wochen in einem Bericht von ReportMainz. Viele von Schäfers Anhänger*innen wurden im Verlauf der Jahrzehnte selbst zu Täter*innen. Immer mehr Zeitzeug*innen sprechen offen darüber. Das gibt denjenigen chilenischen Familienangehörigen Hoffnung, die bis heute nicht wissen, wo ihre Kinder, Männer, Frauen, Brüder oder Schwestern geblieben sind.

Mädchen der Colonia bei einem Gruppentanz | Bild: WDR

Für das international aufwändig produzierte Gemeinschaftsprojekt arbeiteten die chilenische Produktionsfirma Surreal, die deutsche LOOKSfilm, der chilenische TV-Sender Canal13, sowie WDR, SWR und Arte zusammen. Das “exklusive” Archivmaterial (Filmrollen, Tapes, Fotos) sei dem chilenischen Regisseur Cristían Leighton (Surreal Film) von dem ehemaligen Colonia-Mitglied Wolfgang Müller vor etwa fünf Jahren übergeben worden. Müller hatte für Paul Schäfer eine Art Film- und Aufnahmeabteilung in der Colonia geführt. Insgesamt handele es sich bei dem Material um 400 Stunden Film-, 100 Stunden Ton- und rund 9.000 Fotoaufnahmen. Sie seien in einem schlechten Zustand gewesen und hätten umfassend restauriert und digitalisiert werden müssen, um das “deutsch-chilenische Drama in einer Serie erzählen” zu können.

Kritik an der Nutzung des Archivmaterials seitens der Wissenschaft

Kritik an dem Projekt kam vor allem von Wissenschaftler*innen. Sie hätten sich die frühzeitige Übergabe des Archivmaterials an eine öffentliche Institution gewünscht. Vor allem, weil die juristische Verfolgung der in der Colonia Dignidad begangenen Verbrechen längst nicht abgeschlossen ist. Das wissen auch ARD und Arte: “Vieles liegt im Dunkeln, viele Verbrechen, die in der Colonia Dignidad begangen wurden, sind nicht aufgeklärt.”, schrieben die Pressestellen. Die Aufarbeitung stockte immer wieder und nicht zuletzt, weil es u.a. an Beweismaterial fehlte. Die Rechtsanwältin Petra Schlagenhauf kritisiert außerdem eine unzureichende Handlungsbereitschaft seitens der Justiz, um die Verbrechen aufzuklären. Ob das Material aus dem “Archiv der Hölle” überhaupt juristisch relevant sein könnte, wird bald in Chile geprüft. Das Rohmaterial sei laut dem Produzenten Gunnar Dedio bereits auf dem Weg nach Chile. Auf die abschließende Digitalisierung und Verschlagwortung des Materials durch die Produktionsfirmen warte die chilenische Justiz allerdings noch, um es dann für die eigene Prüfung zu nutzen.

Der Politologe Jan Stehle vom Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika e.V. hätte sich die Nutzung des Materials andersherum gewünscht:

“Der Aufarbeitung der Geschichte der Colonia Dignidad wäre es zuträglicher gewesen, wenn das Vorgehen transparent verlaufen wäre: Erst die Übergabe an die Justiz und an eine öffentliche Institution zur Auswertung durch die Wissenschaft. Einer gleichzeitigen Nutzung für Filmprojekte wäre nichts im Wege gestanden. Dass nun aber die Justiz und die Wissenschaft auf die Aufbereitung des Materials durch eine kommerzielle Produktionsfirma warten, und letztere ein Narrativ über das de-facto von ihr privatisierte Material bereits vorlegt, halte ich für ein Vorgehen, dass der Aufarbeitung eher abträglich ist.

Für die beteiligten Produzent*innen ist die Lage aber eindeutig. Gunnar Dedio wies auf die immens hohen Kosten hin, welche die Bearbeitung des Materials durch mehrere Mitarbeiter*innen in den vergangenen vier Jahren bedeutet habe. Den Aufwand, den seine Firma im Auftrag von ARD und Arte betrieben habe, hätte keine öffentliche Institution in dem Maße aufbringen können. Mit dieser Einschätzung liegt der Film-Produzent vielleicht nicht falsch. Denn das Auswärtige Amt hat in den vergangenen Jahrzehnten bewiesen, dass die Bereitstellung von Finanzmitteln für die Aufarbeitung der Geschichte der Colonia Dignidad mit größter Zurückhaltung erfolgt.

Das Museo de la Memoria in Santiago de Chile oder das chilenische Nationalarchiv wären mögliche Orte, um das originale und das digital aufbereitete Material zu archivieren. Die Institutionen müssen allerdings ohnehin mit prekären Mitteln haushalten. Ob sich eine der Einrichtungen es nun leisten kann, das bearbeitete Material von der Produktionsfirma LOOKSfilm in irgendeiner Form abzukaufen, wäre die nächste Frage. Gunnar Dedio erklärte aber, dass die Übergabe des Materials an eine geeignete Institution bereits geplant werde. Er kündigte sogar an, dass er sich mit Partner*innen zusammentun wolle, um nicht nur das “Archiv der Hölle”, sondern auch Archivmaterial anderer Stellen an einem Ort bereitzustellen. Weitere Informationen sollen nach der Ausstrahlung der Doku-Serie folgen.

Geschichtspolitisch umkämpftes Feld

Den Produzent*innen der Doku-Serie ist es gelungen, Zeitzeug*innen zu interviewen, die sich bisher nicht vor die Kamera getraut haben. Das gezeigte Material ermöglicht es den Zuschauer*innen auf anschauliche Art und Weise, einen Einblick in den Alltag der Siedler*innen in der Colonia Dignidad zu erhalten. Colonia-Leiter Paul Schäfer hatte in Auftrag gegeben, den Alltag seiner Anhänger*innen in meist geschönten Situationen auf Ton-, Foto- und Videoaufnahmen festzuhalten. Zum einen, um Propaganda-Material für die Presse bereitzuhalten und zum anderen sicherlich auch aus narzisstisch motivierter Eitelkeit. Schaurig kommen die originalen Tonaufnahmen Schäfers daher, in denen er Frauen als minderwertiges Geschlecht diskriminiert und vulgär beleidigt. Die Bilder von musizierenden Männern und Frauen lösen Unbehagen aus, weil Zeitzeug*innen berichten, dass sie nie das Instrument spielen durften, an dem sie wirklich Freude hatten. Schäfers Kontrollsystem ließ keinen Platz für kleine Freuden. Auf dem Teil des Materials, welches Schäfer für die Presse festhalten ließ, kann man die echten Gefühle der Betroffenen nur erahnen. Umso wertvoller zeigen sich die Erzählungen der ehemaligen Schäfer-Anhänger*innen.

Insgesamt bietet die Doku-Serie einen einzigartigen Einblick in bisher ungezeigtes Quellenmaterial. Wenn dieses zeitnah auch Justiz und Wissenschaft zugänglich gemacht wird, ist dies ein echter Zugewinn für den langen Aufarbeitungsprozess der Geschichte der Colonia Dignidad – inmitten dieses geschichtspolitisch stark umkämpften Feldes.

 

Sendetermine:

COLONIA DIGNIDAD  –  AUS DEM INNERN EINER DEUTSCHEN SEKTE (Regie: Annette Baumeister, Wilfried Huismann)

Das Erste: 16. und 23. März 2020, um 22.45 Uhr, jeweils 90 Minuten als dokumentarischer Zweiteiler

ARTE: 10. März 2020, um 20.15 Uhr als vierteilige dokumentarische Serie

im Anschluss: in der Mediathek der ARD

 

 

Akteur*innen & Projekte/Interviews

Renate Künast: “Wir sind beharrlich geblieben und haben genervt.”

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Renate Künast: “Wir sind beharrlich geblieben und haben genervt.”

Renate Künast (Bündnis90/Die Grünen) ist Mitglied einer Gemeinsamen Kommission des Bundestages und der Bundesregierung, welche mit der Umsetzung eines Hilfskonzeptes für Opfer der ehemaligen Colonia Dignidad beauftragt wurde. Als Vorsitzende des Rechtsausschusses organisierte Künast 2016 die erste Reise von Abgeordneten des Deutschen Bundestages in die ehemalige Colonia Dignidad. Im Interview berichtet sie von dem Hilfskonzept, den Hürden bei ihrer ersten Reise nach Chile und weiteren Schritten, die für eine gelungene Aufarbeitung der Verbrechen, die in der ehemaligen Colonia Dignidad begangen wurden, notwendig seien.

Interview mit der Bundestagsabgeordneten Renate Künast über die Aufarbeitung der in der Colonia Dignidad begangenen Verbrechen 

Meike Dreckmann: Frau Künast, wie würden Sie die Colonia Dignidad in Ihren eigenen Worten Jemandem erklären, der oder die noch nie davon gehört hat.

Renate Künast: Eine Sekte mit einem Zaun, der vor Ausbruch schützen sollte, und die ein ausgeklügeltes Sanktions- und Bestrafungssystem hatte.

MD: Worauf richten Sie als deutsche Bundestagsabgeordnete Ihren Blick besonders?

RK: Ich bemühe mich und wir bemühen uns als Gruppe von Abgeordneten, uns nicht nur auf das Gelände der heutigen Villa Baviera zu konzentrieren. Ich würde das für einen großen Fehler halten. Weil zu der gesamten Geschichte der Colonia gehört ja nicht nur, sich mit denen zu beschäftigen, die heute noch in der Villa Baviera leben, sondern auch mit denen, die es glücklicherweise herausgeschafft haben.

MD: Insgesamt sind Sie zwei Mal in die ehemalige Colonia Dignidad nach Chile gereist. Wie müssen wir uns die Umstände Ihrer ersten Delegationsreise 2016 vorstellen?

RK: Ich habe die Reise als damalige Vorsitzende des Rechtsausschusses organisiert. Wir sind damals nach Argentinien und Chile gefahren. Da habe ich einen massiven Druck erlebt. Uns wurde geraten: „Gehen Sie da lieber nicht hin.“ Überhaupt dorthin zu gehen, war schon eine große Sache. Der erste Teil einer Geschichtsaufarbeitung in diesem Kontext war für mich also die Frage: Wie kommen wir da überhaupt hin und welche Mechanismen gibt es, uns dort nicht hinzulassen?

MD: Von wem?

RK: Vom Auswärtigen Amt. Das fing im Prinzip bereits 2016 an. Anfang des Jahres reiste Joachim Gauck als damaliger Bundespräsident nach Chile zu einem Empfang in der deutschen Botschaft. Dort gab es einen Eklat, weil ein Täter aus den Reihen der Colonia Dignidad auch auf diesen Empfang eingeladen worden war. Darauf wurde Gauck hingewiesen und dann ist er mit seiner Frau gleich gegangen. Das gab großen Ärger und löste allgemeines Misstrauen aus. Und dann bekamen wir als Abgeordnete von der Botschaft noch den Warnhinweis: „Ach, fahren Sie lieber nicht in die Villa Baviera, das ist alles zu kompliziert. Sie müssen da vier Stunden rausfahren. Die werden Sie alle in Beschlag nehmen, weil sie ja psychisch sehr belastete Persönlichkeiten sind.“ Also es ist durchaus üblich, dass Botschaften Abgeordneten Hinweise geben, wenn sie eine Delegationsreise ins Ausland machen. Also Hinweise wie etwa: „Denken Sie daran, Sie müssen da weit fahren.“ Das ist ganz normal. Weil es auch Bundestagsabgeordnete gibt, die sich sonst hinterher beschweren und sagen, sie seien nicht informiert worden. Aber ich habe deutlich gesagt: „Wir wollen dahin. Ende.“

MD: Warum war das so eindeutig für Sie?

RK: Weil mir klar war, dass ich den authentischen Ort sehen musste. Und es ist doch qualitativ etwas ganz Anderes, ob ich persönlich und einzeln mit Leuten spreche oder die Menschen in einer Botschaft treffe. Und die Situation vor Ort in der Villa Baviera kann man auch nur begreifen, wenn man selber mal dort gewesen ist. Wenn man die wunderschöne Landschaft mit den schneebedeckten Bergen in der Ferne einmal gesehen hat. Dieses Dorf stellt sich optisch wie eine Vollidylle dar. Und als das Auswärtige Amt uns dann sagte, wir könnten die Menschen doch in die Botschaft in Santiago einladen, habe ich von der Seite schon gemerkt, dass die Geschichtsaufarbeitung ein großes Manko hat.

MD: Inwiefern?

RK: Zur Geschichtsaufarbeitung gehört doch auch, dass ich die Aufarbeitung systematisch und respektvoll organisiere. Bei einzelnen Aufarbeitungsschritten ist Sensibilität an den Tag zu legen. Warum sollten sich die quasi inhaftierten Menschen der so genannten Colonia Dignidad nach dieser Geschichte freiwillig in die Botschaft begeben? Das war irgendwie ein kurioser Vorschlag. Das in Verbindung mit dem Eklat der Einladung von ehemaligen Tätern in die Deutsche Botschaft und der Tatsache, dass immer diejenigen mit Hilfeleistungen benachteiligt wurden, welche die Villa Baviera verließen. Das war sozusagen das Vorspiel, wo wir wirklich wiederholt sagen mussten: „Wir wollen dahin!“

Michael Brand (CDU), Renate Künast (Grüne), Matthias Bartke (SPD), Bildrechte: Büro Künast

MD: Und wie war ihr Eindruck, als Sie dann dort ankamen?

RK: Dort haben wir eine ganz massive Betroffenheit erlebt. Ich muss Ihnen dazu sagen, dass ich in meinem ersten Leben Sozialarbeiterin bin, im zweiten Leben Juristin und ich habe auch viel in der Psychiatrie und im Strafvollzug gearbeitet. Als wir in der Villa Baviera ankamen, da war mein erster optischer Eindruck: Viele der betroffenen Menschen sind hospitalisiert und traumatisiert.

MD: Warum?

RK: Weil man es ihnen ansieht. Man sieht es den Menschen an der Art ihrer Reaktion mit Gestik und Mimik an. So wie man auch fast jedem Kind ansehen kann, ob es geschlagen wurde. Das hat eine ganz andere Körpersprache oder die jeweilige Person reagiert ganz anders. Selbst und gerade Erwachsenen sieht man die Torturen der Kindheit und Jugend noch an.

MD: Können Sie ein Beispiel geben?

RK: Ja, zum Beispiel eine ältere Dame, die sich dort mit geradezu kindlicher Naivität auf uns zu kam und redete. Die Welt hat sie noch gar nicht begriffen. Und gerade bei unserer ersten Reise haben wir sehr intensive Runden mit Einzelgesprächen geführt. Da saßen immer ein, zwei Abgeordnete an einem Tisch mit ein paar Zeitzeug*innen. Sie gingen bei Kaffee und Kuchen eben schnell in die Vollen mit ihren Erzählungen. Und das erlebe ich selten, dass Leute innerhalb von kurzer Zeit denken, das kann ich denen jetzt gerade mal kurz erzählen. Ich habe allerdings später begriffen, dass die individuellen Geschichten so unaufgearbeitet sind und viele deshalb großen Druck verspüren. Besonders die Älteren habe ich so erlebt, dass sie von Kopf bis Fuß mit diesen Geschichten gefüllt sind. Deshalb landet man immer und innerhalb von Sekunden sofort bei diesen Geschichten und Ereignissen. Und es gibt gar keine Luft, um mal über etwas Anderes zu reden. Das finde ich persönlich tragisch, weil die Menschen auch nicht die Luft oder die Möglichkeit dazu haben, weil sie so hospitalisiert sind und gar nicht in einer anderen Welt gelebt haben. Und wenn sie niemand an die Hand nimmt und in eine betreute Wohnsituation an einem anderen Ort bringt, fühlen die sich gar nicht lebensfähig. Die Menschen würden Angst haben und zurücklaufen. Und das finde ich, spürt man da schon.

MD: Was ist Ihnen noch aufgefallen?

RK: Dann hat die Art der Aufarbeitung, die sie selber als Geschichtsaufarbeitung machen, für meine Begriffe etwas Hilfloses, weil sie weder hinreichend begleitet noch offiziell organisiert ist. Sie sind in diesem Käfig des Erlittenen und in dieser engen Struktur, in der sie nie gelernt haben, sich in einer freien Gesellschaft ohne genaue Abläufe zu bewegen. Sie sind eingeschüchtert und haben massive Traumata. Sie leben in ihrer Welt und in ihrer Tragik und ich finde, dass für ganz viele Aufarbeitung ein anderes Schicksal ist: Darf ich persönlich denn noch etwas Schönes erleben? Wenn dir eine Person selbst erzählt, wie sie mit Elektroschocks und Tabletten gefoltert wurde. Unter Paul Schäfer waren bestimmte Verhaltensweisen verboten. Und heute zittern noch einige körperlich, schwitzen und haben massive Ängste, weil sie etwas getan habe, was „verboten“ ist. Obwohl der Mann [Paul Schäfer, Anm. MD] gar nicht mehr da ist und eigentlich die Struktur auch gar nicht mehr. Sie sind so konditioniert, dass sie es nicht als Freiheit empfunden haben, weil sie nie etwas Anderes erlebt haben. Sie waren nie frei. Sie haben ja auch nie Fernsehsendungen geschaut und dort gesehen, wie man sonst so in der Welt frei durch die Gegend läuft oder sich verhalten kann.

MD: Und warum denken Sie, verlassen viele Menschen die ehemalige Colonia Dignidad heute nicht?

RK: Ich sehe, dass viele diesen Schritt nicht tun können. Das würde wahrscheinlich nur gehen, wenn jemand sagen würde, dass es in der Nähe eine Stadt mit einem betreuten Wohnen oder einem Seniorenheim gibt, das zum Beispiel auch eine Kantine hat und einen Wäscheservice anbietet. Ein Ort, an dem es eine bestimmte Einbindung in eine Gruppe gibt und man nicht mitten in einer Stadt anonym wohnt. Da würden die Menschen nie hingehen.

MD: Aus Chile habe ich die Nachricht erhalten, dass ein Ehepaar, das im Jahr 2006 die Villa Baviera verlassen hat, vor Kurzem wieder zurückgezogen ist. Sie sagen, dass sie es außerhalb finanziell einfach nicht geschafft haben. Das Ehepaar wurde wiederaufgenommen und im Tourismus angestellt. Wie kann das Hilfskonzept den Leuten helfen, wenn sie außerhalb der Villa Baviera leben möchten?

RK: Also, das Hilfskonzept ist ja das Minimum, was wir bringen müssen. Ich sage nicht, damit bin ich jetzt zufrieden und es ist alles getan. Aber man kann sich ja vorstellen, was das für eine mühevolle Arbeit war. Also da bin ich jetzt unzufrieden und stolz. Das fällt zusammen.

MD: Können Sie das näher erklären?

RK: Ja, unzufrieden, weil das bei Weitem nicht ausreicht und stolz, weil man da eben Ende 2016 nicht denken konnte, dass es da jemals zu irgendeinem Ergebnis kommen könnte. Aber wir Bundestagsabgeordneten sind beharrlich geblieben und haben genervt. Und wir haben die Reise dahin gemacht und wir waren als Gruppe sehr beeindruckt von dieser Situation. Und ich habe dann nachher gesagt: „Machen wir das? Schwören wir uns das jetzt und machen uns daran und sorgen dafür, dass es einen Antrag im Bundestag gibt und dass es da ein Hilfskonzept gibt und so weiter?“ „Ja, logisch.“ Gemeinsam haben wir dann den Antrag und den Beschluss darin hingekriegt. Zum Beispiel, dass es bis zum 31.6.2018 einen Bericht der Bundesregierung geben musste.

MD: Und was hielten Sie von dem Bericht?

RK: Der war schlecht. Das haben Sie sicherlich gesehen. Wir haben alle protestiert. Dafür, dass sie nie was zahlen wollten, kriegen die Opfer jetzt 10.000€. Mit der Internationalen Organisation für Migration (IOM) haben wir jetzt kompetente Partner, welche die Verteilung der Gelder durchführen. Die werden zuerst zu den Menschen gehen, die außerhalb der Villa wohnen, weil dort die Unterstützung am dringendsten ist. Als erstes muss es um die gehen, die eindeutig Opfer sind und wo es keinerlei zu klärende Fragen gibt. Das dürften an die 100 Menschen sein und da soll schnell Geld kommen. Wir haben dabei verschiedene Stufen der Glaubhaftmachung festgelegt.

MD: Das ist ja wirklich überraschend dann, dass die ersten zurückziehen in die Villa. Denn theoretisch würde es damit doch jetzt die Strukturen geben, um das Leben außerhalb erheblich zu erleichtern, oder?

RK: Ja, das stimmt, aber wir haben keine Rente beschließen können. Und es gibt ja auch keine Lebenshilfe. Allerdings: Wenn die Menschen jetzt einmal 10.000€ erhalten und wenn sie später pflegebedürftig sind, müssten sie keine Angst haben, dass sie dann auf der Straße liegen, sondern die Pflege wird bezahlt. Aber was machen sie denn zwischendurch? Das ist nicht gelöst. Sie haben keine Rente oder erhalten in Chile umgerechnet 200€. Und da nie in die Rentenkasse eingezahlt wurde, ist das ein großes Problem. Und deshalb sage ich: Wir haben jetzt zwar etwas geschafft, was wir vor Jahren nicht für möglich gehalten hätten. Das ist jedoch noch kein Grund für Zufriedenheit. Also man muss da weiter nachdenken und man muss mal überlegen, wie der chilenische Staat sich da mal irgendwo einbringt. Denn er hat so etwas letztendlich auch auf seinem Territorium zugelassen. Dann bleibt noch das Thema Gedenkstätte mit Lernort. Das gibt es zum Beispiel in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz auch. Wo dann junge Leute sich treffen und Seminare machen, aber auch mithelfen, die Flächen in Ordnung zu halten. Sie können diskutieren und lernen: Wie entwickeln sich eigentlich Gesellschaften, aus denen solche Sachen entstehen? Das kannst du ja auf den Nationalsozialismus, auf die Diktatur in Chile, auf die Colonia Dignidad oder auch auf Syrien übertragen. Also man kann es auf ganz viele Gesellschaften beziehen und daran lernen.

MD: Wie haben Sie denn die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Chile im Hinblick auf die Gedenkstättenplanung erlebt?

RK: Die Expert*innen der deutsch-chilenischen Kommission stehen natürlich vor großen Herausforderungen. Auch für Chile ist nicht einfach und zwar nicht nur bezogen auf die Frage: Colonia Dignidad, warum haben wir das zugelassen?

MD: Was meinen Sie mit “nicht einfach”?

RK: Wir haben bei unseren Reisen beispielsweise auch Gouverneure und Politiker aus dem Süden getroffen, die in aller Offenheit sagten: „Wieso? Ich möchte Ihnen mal sagen, wir fanden das alle toll!“

MD: Ja, die Colonia Dignidad war sowohl politisch, als auch wirtschaftlich und auch innerhalb der Bevölkerung sehr gut vernetzt. Sie profitierte von einem eng gesponnenen Netzwerk aus Unterstützer*innen.

RK: Genau. Und in Chile ging es in den 1960er/70er-Jahren vielen eben darum, dass das Land unten im Süden urbar gemacht wird. Dass Landwirtschaft betrieben wird und dass die Bevölkerung ansteigt. Die Städte sollten wachsen. “Wir wollten selbst unsere Lebensmittel anbauen.” “Wir waren froh, dass es diese fleißigen Deutschen da gab.” “Oh, und wir haben auch nicht richtig hingeguckt.” So ein autoritäres Regime innerhalb der Anlage fanden sie zum Teil auch nicht schlecht und um alles andere haben sie sich im Detail auch nicht gekümmert. Und es ist schwierig, weil die DINA [Dirección de Inteligencia Nacional, Anm. MD] in der Colonia Oppositionelle des Militärregimes folterte und ermordete, aber auch ihre Wochenenden dort gemütlich verbrachte. Aufklärung fällt ihnen noch schwer, da wohl viele angesehene Familien Chiles heute noch durch Generäle und Soldaten irgendwelche Bezüge zu der Geschichte haben. Entweder waren sie also Opfer oder sie haben Freund*innen oder Verwandte dort verloren. Oder sie hatten selbst Leute beim Militär oder bei der DINA. Sie gehörten dadurch also zum Herrschaftssystem und haben vielleicht sogar selbst mitgefoltert.

MD: Und können Sie ein Beispiel dafür nennen, wie Ihrem Eindruck zufolge das Thema Erinnern und Gedenken in der Villa Baviera diskutiert wird?

RK: Als wir Ende August 2018 zu einem Exekutivtreffen mit ein paar Abgeordneten zum zweiten Mal dort waren, haben die Chilenen einen Vorschlag gemacht. Das gesamte Material, was man noch gefunden hat, also Karteikarten, Fotos und so weiter, sollten demnach in das Archiv des Museums für Menschenrechte in Santiago de Chile aufgenommen werden. Die Sachverständigen aus Deutschland waren davon allerdings nicht nur begeistert, weil sie der Meinung waren, dass es auch Gedenken und das Auseinandersetzen vor Ort auf dem Gelände der Villa Baviera geben müsse. Dann gibt es auch noch die chilenischen Hinterbliebenen, die sagen, dass dort auf keinen Fall Hochzeitsfeiern und Hotelbetrieb durchgeführt werden dürfen. Diesen Konflikt müssen wir lösen.

MD: Und wie?

RK: Ich glaube, wir müssen von hier aus immer dranbleiben. Aktuell ist das angesichts der Situation in Chile nicht einfach. Der Schwerpunkt liegt logischerweise auf aktuellen und dringenden sozialen Fragen.

MD: Gibt es etwas Neues zu der Vermögenssituation dieser Strukturen, die sie angesprochen haben? Müssen wir uns von dem Gedanken verabschieden, jemals herauszufinden, wo das Geld geblieben ist, das Paul Schäfer illegal angehäuft hat?

RK: Ich weiß nicht. Es ist zudem ein rein privatrechtlicher Sachverhalt, wie sollen wir da reinkommen?

MD: Das heißt, Sie glauben nicht, dass niemand weiß, wo das Vermögen aus Schäfer-Zeiten geblieben ist?

RK: Naja, es werden von einigen alle rechtlichen Mittel genutzt, um Aufklärung zu verhindern.

Die Delegierten legen Blumen ab an den Ausgrabungsstätten der in der Colonia Dignidad “Verschwundenen”, Bildrechte: Büro Künast

MD: Einige gehen davon aus, dass Hartmut Hopp, der ehemalige Arzt der Colonia Dignidad und Vertrauter Paul Schäfers, etwas über das verschwundene Vermögen wissen könnte. Wie bewerten Sie als Juristin den Beschluss des Oberlandesgerichtes Düsseldorf, der besagt, dass die in Chile verhängte Strafe gegen Hopp in Deutschland nicht umgesetzt werden könne?

RK: Ich habe grundsätzlich den Eindruck, dass die Staatsanwält*innen, die daran gearbeitet haben, scheinbar dem Ganzen nicht besonders viel Bedeutung beigemessen haben. Die einzigen, die da wirklich noch juristisch tiefer rangehen, sind die Leute vom ECCHR. Ich glaube, die haben sich überlegt, zu klagen.

MD: Wie stehen Sie zu dem touristischen Konzept vor Ort?

RK: Ich würde den Tourismus ganz wegnehmen. Und stattdessen muss man diesen Ort und das Ensemble zwar erhalten und aus diesem Hotel etwas für Jugendliche und junge Menschen machen. Wo du dann lernst, wie sich Gesellschaften entwickeln und wie es anfängt, dass so etwas wie die Colonia Dignidad dabei herauskommt. Man kann auf dem Boden nicht so tun, als hätte es nie stattgefunden. Also auch zu lernen und zu hinterfragen, was die deutsche Botschaft da unten gemacht hat. Da könnte man fast mal sagen, da müssen auch mal Diplomat*innen in ihrer Ausbildung hin.

MD: Ja, also das Thema soll ja zumindest in das Curriculum für angehende Diplomat*innen aufgenommen werden. Aber da weiß ich nicht, was der aktuelle Stand ist. Das hatte zumindest Frank-Walter Steinmeier als damaliger Außenminister in seiner Rede im Auswärtigen Amt gesagt.

RK: Das ist ein guter Punkt.

MD: Warum?

RK: Ja, da muss ich noch einmal in der Steinmeier-Rede nachschauen. Da kann ich dann eine Anfrage dazu machen.

MD: Das ist doch ein schöner Abschlusssatz. Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für mich genommen haben.

RK: Gerne.

(Renate Künast beantwortete die Fragen mündlich am 17. September 2019 in ihrem Bundestagsbüro. Das Interview wurde zur besseren Lesbarkeit gekürzt und redigiert.) 

 

WEITERE INTERVIEWS (Auswahl):

Akteur*innen & Projekte

Dieter Maier erhält “Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland am Bande”

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Dieter Maier erhält “Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland am Bande”

Menschenrechtler Dieter Maier und Darmstädter Regierungspräsidentin Brigitte Lindscheid © Regierungspräsidium Darmstadt

Der freie Journalist und Publizist Dieter Maier wurde am 1. November 2019 mit dem “Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland am Bande” ausgezeichnet. Überreicht wurde ihm der Orden für sein außergewöhnliches Engagement für das Gemeinwohl. Dieter Maier ist insbesondere für seine Publikationen zur berüchtigten Colonia Dignidad in Chile bekannt geworden.

Die Auszeichnung war Dieter Maier am vergangenen Freitag durch die Regierungspräsidentin des Regierungsbezirks Darmstadt Brigitte Lindscheid übergeben worden. Mit dem Verdienstorden soll der Menschenrechtler vor allem dafür geehrt werden, dass er durch wissenschaftliche, journalistische und politische Arbeit in besonderem Maße dazu beitrug, dass die in der Colonia Dignidad begangenen Menschenrechtsverbrechen aufgeklärt wurden.

Auf Anfrage dieses Blogs teilte Dieter Maier mit, dass er sich zwar über die Ehrung seiner Arbeit freue, aber dennoch einen ambivalenten Blick auf die “Symbolpolitik” behalte:

Ich empfinde die Auszeichnung als verspätete Anerkennung. Das macht mich immerhin zufrieden. Aber müssen immer erst 40 Jahre vergehen, ehe solche Würdigungen kommen? Die Bundesregierung hätte viel Leid verhindern können, wenn Sie uns 1977, als wir die Broschüre von Amnesty International über die Colonia Dignidad schrieben, ernst genommen hätte. Sie hat uns aber die Tür vor der Nase zugeschlagen. Mir bleibt der fahle Nachgeschmack, dass Symbolpolitik jetzt richten soll, was die Realpolitik damals vermasselt hat.

Dieter Maier studierte in den 1960/70er-Jahren Germanistik, evangelische Theologie und Philosophie. Im Rahmen seiner Arbeit für Amnesty International verfasste Dieter Maier gemeinsam mit seinem Co-Autor Jürgen Karwelat im Jahr 1977 eine Informationsbroschüre über die menschenrechtswidrigen Zustände in der Colonia Dignidad. Diese war gemeinsam von Amnesty International und der Zeitschrift STERN unter dem Titel “Colonia Dignidad. Ein deutsches Mustergut in Chile – ein Folterlager der DINA” veröffentlicht worden. Die Führung der Colonia Dignidad klagte daraufhin auf Unterlassung. Es folgte ein jahrzehntelanger Rechtsstreit, der erst beendet wurde, als die bundesdeutsche Vertretung der Colonia Dignidad sich aufgelöst hatte. Erstmals gab diese Broschüre auch chilenischen Menschen eine Stimme, die auf dem Gelände der Colonia Dignidad durch den chilenischen Geheimdienst DINA gefoltert wurden. Neben dieser Broschüre publizierte Dieter Maier außerdem einige Sachbücher zum Thema Colonia Dignidad, sowie eine Täterbiographie über den chilenischen Militärdiktator Augusto Pinochet.

Quelle: Pressemitteilung des Regierungspräsidiums Darmstadt 

Akteur*innen & Projekte/Interviews

“Wir waren am meisten und intensivsten von der Sektenbildung betroffen.”

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“Wir waren am meisten und intensivsten von der Sektenbildung betroffen.”

Michael Gordon ist Pastor in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde (Baptisten) Gronau. Auf Wunsch jüngerer Gemeindemitglieder hat er sich die Erforschung der Vorgeschichte der Colonia Dignidad in Gronau vorgenommen. Im Interview gibt er einen ersten Einblick in seine Nachforschungen und erklärt, warum Paul Schäfer weder als Evangelist, noch als Baptist bezeichnet werden könne.

Gronauer Pastor Michael Gordon im Interview über seine Forschungen zur Colonia Dignidad 

Meike Dreckmann-Nielen: Herr Gordon, inwiefern ist die Geschichte der Colonia Dignidad denn ein wichtiger Teil der Geschichte Ihrer Baptistengemeinde?

Michael Gordon: Fast die Hälfte der 300 ehemaligen Bewohner*innen der Colonia Dignidad stammte direkt oder indirekt (Mitglieder, Freund*innen, Kinder) aus der Baptistengemeinde Gronau. Wir waren am meisten und intensivsten von der Sektenbildung betroffen. Die Gemeinde verlor durch den Verlust der vielen Familien mit Kindern ihre natürliche Zukunft.

MD: Wie viele gegenwärtige Mitglieder Ihrer Gemeinde sind aus der ehemaligen Colonia Dignidad zu Ihnen gekommen?

MG: Dauerhaft hat sich uns nur eine Familie angeschlossen. Ich kenne aber die meisten anderen ehemaligen Bewohner*innen der Colonia Dignidad, die in Gronau wohnen, und habe zumeist einen guten, aber nicht engen Kontakt. Nach meinem Wissen haben nur wenige ehemalige Bewohner*innen der Colonia in einer deutschen Freikirche eine Heimat gefunden.

Paul Schäfers Zielgruppe waren Christ*innen.

MD: Der Gronauer Prediger Hugo Baar spaltete damals die örtliche Baptistengemeinde, indem er sich dem freien Evangelisten Paul Schäfer anschloss. Was faszinierte Hugo Baar und seine Anhänger*innen damals an der Person Paul Schäfer und an seinen „Lehren“?

MG: Zunächst möchte ich sagen, dass die Selbstbezeichnung Paul Schäfers als “Evangelist” irreführend ist. Der Titel war und ist nicht geschützt und wurde in frommen Kreisen mit etwas Anerkennenswertem assoziiert. Leben, Aktivitäten und Zielgruppe von Paul Schäfer entsprachen aber nicht der eines solchen Evangelisten. Nach meiner bisherigen Erkenntnis hat sich kaum jemand unmittelbar durch Paul Schäfer bekehrt (man vergleiche als Gegenbeispiel Billy Graham). Gerhard Mücke dürfte einer der ganz wenigen gewesen sein. Paul Schäfer hat sicherlich nicht durch Evangelisationen die Menschen an sich gezogen. Seine Zielgruppe waren Christ*innen. Hugo Baar hatte sich Mitte 1954 Paul Schäfer angeschlossen, was sich sofort in seiner veränderten Tätigkeit als Prediger in einer Baptistengemeinde in Salzgitter bemerkbar machte und sich dann bei seiner Arbeit in Gronau fortsetzte. Die Spaltung in Gronau ist ein komplexes Geschehen, zu dem ich mich an anderer Stelle äußern werde, genauso die Gründe, warum man sich Paul Schäfer angeschlossen hat. Sie dürften aber unterschiedlich gewesen sein.

Es ist eine meiner Herausforderungen, das spezifisch “Schäferische” herauszuarbeiten.

MD: Wo sehen Sie baptistische Einflüsse in Schäfers “Lehren” und an welchen Stellen wurde das damalige Glaubensgerüst eindeutig zu einer Privatreligion Schäfers?

MG: Paul Schäfer war nie Baptist, ließ sich zwar in den fünfziger Jahren taufen und taufte auch kurzzeitig selbst. Die Taufe spielte aber schon bald in seiner “Theologie” keine Rolle mehr. Zwar stammten 85 % seiner Anhänger*innen aus den Baptistengemeinden, die entscheidende Mehrheit hatte sich aber mit dem Anschluss an Paul Schäfer/Hugo Baar innerlich von Grundgedanken des Baptismus entfernt. Entscheidend muss für Paul Schäfer seine Begegnung mit –im weitesten Sinne– Pfingstlern gewesen sein. Der Entschluss zu einer eigenen “Kirche” fiel vermutlich schon gegen Ende seines Aufenthaltes in Gartow Anfang der 50er-Jahre. Wie vorhin erwähnt, ist es eine meiner Herausforderungen, das spezifisch “Schäferische” herauszuarbeiten. Die von Paul Schäfer im Laufe der Zeit vorgenommenen inhaltlichen und praktischen Veränderung bei der Beichte gehören sicherlich dazu. Hatte sie zu Anfang noch sehr viel Ähnlichkeit mit vergleichbaren “Beichten” in anderen christlichen Gruppen und Strömungen, so war sie Anfang 1960 nur noch ein Zerrbild. Diese Änderung der Beichte geschah in einem Prozess in den 50er-Jahren.

Die Leitung und die Predigerschaft unseres Baptistenbundes waren damals in das tragische Geschehen involviert.

MD: Wie kam es dazu, dass Sie sich die Erforschung dieses Teils der Gemeindegeschichte vornahmen?

MG: Die kriminellen Machenschaften in der Colonia Dignidad, die durch den Spielfilm “Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück” einem breiteren internationalen Publikum bekannter wurden, aber auch die Rückkehr ehemaliger Colonia-Bewohner*innen nach Gronau und auch Anfragen von außerhalb der Gemeinde, ließen die Frage intern bei den Jüngeren aufkommen, was damals in der Gemeinde vor 1962 passierte. Diese Frage konnte oder wollte kaum einer von den damals Beteiligten beantworten. Wir fanden dann ein altes Protokollbuch des Gemeindeleiters (beginnend 1957) und es wurde deutlich, dass das Drama in Gronau viel größere Dimensionen hatte, als wir “Jüngeren” wussten oder gar ahnten. Die Leitung und die Predigerschaft unseres Baptistenbundes waren damals in das tragische Geschehen involviert. Bis Ende 1957 waren mehrere Baptistengemeinden in drei verschiedenen Landesverbänden von Spaltungen betroffen und drei Prediger wurden von der Prediger-Liste gestrichen, d.h. sie durften nicht mehr als Prediger der Baptistengemeinden arbeiten.

MD: Wie müssen sich die Leser*innen den Umfang Ihrer Nachforschungen vorstellen?

MG: Es leiten mich drei Fragen. Erstens: Was passierte genau in Gronau? Hier geht es dann insbesondere um die Jahre 1955 -1962. Zweitens: Warum passierte es, oder besser: Wie konnte so etwas passieren? Und drittens: Worin genau unterschied sich im Laufe der Zeit die Gruppe um Paul Schäfer und Hugo Baar von allen anderen vergleichbaren christlichen Bewegungen der 50er-Jahre?

MD: Und können Sie schon erste Erkenntnisse teilen?

MG: Erst im Laufe der umfangreichen Recherchen und auch dann durch meinen Besuch im Frühjahr diesen Jahres in der ehemaligen Colonia Dignidad wurde mir deutlich, dass man Gronau nicht separat betrachten kann und darf, sondern es um alle Personen und Gemeinden geht, die sich Paul Schäfer und Hugo Baar anschlossen. Alle Ereignisse und Personen stehen in Wechselwirkung zueinander.

Als Pastor oder Theologe geht es mir dabei insbesondere um das religiöse Weltbild und die religiösen Praktiken der betroffenen Personen in den Gemeinden und der Hauptakteure Paul Schäfer und Hugo Baar. Der Forschungszeitraum umfasst, in Bezug auf die Anhänger*innen der späteren Sekte beziehungsweise die betroffenen Gemeinden, die Nachkriegszeit bis 1962; in Bezug auf Paul Schäfer und Hugo Baar deren Lebensgeschichte bis 1962. Die Folgezeit in Chile wird insofern mit einbezogen, als dass man anhand der späteren Früchte auf die Wurzeln schließen kann.

Es lässt sich nachweisen, dass sehr viele Gedanken und Aktivitäten der späteren Sekte in den 50er-Jahren Parallelen zu den frommen christlichen evangelischen Kreisen der damaligen Zeit aufweisen. Die Herausforderung besteht nun darin, herauszukristallisieren, worin genau das Spezifikum bestand, sodass aus der Anhängerschaft Schäfer/Baar eine Sekte entstehen konnte.

MD: Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihren Nachforschungen?

MG: Die Zielsetzung der Forschungsarbeit und einer beabsichtigten Publikation ist vielschichtig.

  1. Für unsere Gemeinde ist es wichtig, a) dass sie weiß, was damals passierte und dass sie sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt und, b) dass sie sprachfähig ist, gegenüber der Außenwelt, die uns immer mit der Colonia Dignidad in Verbindung bringen wird.
  2. Das Gleiche gilt in geminderter Form für die anderen damals betroffenen Gemeinden und in ähnlicher Weise für den deutschen Baptismus.
  3. Den ehemaligen Bewohner*innen der Colonia Dignidad soll es ebenfalls helfen, ihre Wurzeln zu verstehen, um so vielleicht etwas besser mit ihrem Schicksal umgehen zu können.
  4. Die Bürger*innen der Stadt Gronau haben damals die schrecklichen Ereignisse hautnah miterlebt, denn es waren ihre Nachbar*innen, Arbeitskolleg*innen, Schulkamerad*innen und bisweilen auch ihre Verwandten. Auch sie haben ein Recht zu erfahren, was warum geschah.
  5. Die Geschichte der Colonia Dignidad wird sicherlich über Jahrzehnte ein Forschungsprojekt unterschiedlicher Disziplinen sein. Meine spezifische Sichtweise und Darbietung alter Dokumente soll anderen Forschenden in ihrem Bemühen eine Unterstützung sein.

Michael Gordon im Oncken-Archiv des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden

MD: Wie sieht es denn in den Kirchenarchiven aus? Mit welchem Bestand arbeiten Sie?

MG: Die Freikirchen haben nicht automatisch ein gepflegtes Kirchenarchiv noch eine*n Zuständige*n für alte Gemeindeakten. So ist es sehr mühselig und zeitraubend, entsprechende Dokumente zu finden oder zu erhalten und ich bin auf die Mithilfe anderer angewiesen. Am umfangreichsten ist sicherlich das Material aus Gronau, beziehungsweise das, was ich im Archiv unseres Gemeindebundes gefunden habe und das sich überwiegend auf Gronau bezieht. Insgesamt habe ich mittlerweile etliche 100 Seiten bisher nicht ausgewerteter Dokumente angesammelt.

MD: Wurden Sie bei Ihrer Dokumentensuche auch von älteren Gemeindemitgliedern und Zeitzeug*innen aus Gronau unterstützt?

MG: Den Grundstock bildet ein Ordner von Heinz Rahl, dessen Angehörige teilweise zur Colonia Dignidad gehörten. Er hatte mir den Ordner vor seinem Tod gegeben, zu einem Zeitpunkt, an dem ich mich aber erst wenig für die Colonia interessierte. Er enthält unter anderem Gronauer Zeitungsberichte aus den frühen 60er-Jahren und zwei interessante Briefe. Privatpersonen in Gronau besitzen sonst meistens keine relevanten Dokumente, zumal die allermeisten damals unmittelbar Betroffenen mittlerweile verstorben sind. Mündlich wird mir aber das ein oder andere erzählt.

Wie gesagt, alles sind kleine Details, die zusammen ein Gesamtbild ergeben werden.

MD: Gab es besonders unerwartete Materialfunde während Ihrer Recherche?

MG: Jedes neue Dokument ist wie ein Puzzleteil, welches das Bild nach und nach vervollständigt. So bekam ich vor einiger Zeit ein Dokument über Paul Schäfers Bemühen, in der Pfingstgemeinde Graz Einfluss zu nehmen. Kurz darauf fand ich in einer Autobiographie eines österreichischen Pfingstpredigers einen kurzen kritischen, persönlichen Bericht über seine Begegnung mit Paul Schäfer, der im Zusammenhang mit genau diesem Dokument steht. Zuletzt erhielt ich auch Einsicht in Protokolle von Baptistengemeinden aus dem Großraum Schwülper/Wasbüttel, die Aufschluss über die Zusammenarbeit mit Paul Schäfer geben. Wie gesagt, alles sind kleine Details, die zusammen ein Gesamtbild ergeben werden.

MD: Und zuletzt: Ist es auch anderen Forscher*innen und Interessierten möglich, in Ihren Gemeindearchiven zu der Frühgeschichte der Colonia Dignidad zu recherchieren? An wen können sich Interessierte denn am besten wenden?

MG: Ich beabsichtige nach einer Publikation, meine Dokumente einem Archiv zur weiteren Forschung zur Verfügung zu stellen. Alles andere ist leider schwierig, da das Meiste über persönliche Kontakte lief. Viele Kontakt wurden mir als Pastor aus der Baptistengemeinde Gronau, die unmittelbar betroffen war und ist, anvertraut.

(Michael Gordon beantwortete die Fragen schriftlich via Email.) 

Akteur*innen & Projekte/Interviews

“Ich bin mit dem laufenden Prozess der Aufarbeitung sehr unzufrieden.”

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“Ich bin mit dem laufenden Prozess der Aufarbeitung sehr unzufrieden.”

Die Not- und Interessengemeinschaft beim Treffen 2012, Jürgen Karwelat ist der vierte von links.

Jürgen Karwelat traf 1976 auf Dieter Maier. Dieser schlug ihm im Namen von Amnesty International die Recherche zu einer deutschen Sekte in Chile vor, in der sich laut Medienberichten chilenische politische Gefangene aufhalten sollten. Im Interview erzählt Jürgen Karwelat von seinen damaligen Recherche-Erlebnissen, der Gründung der “Not-und Interessengemeinschaft der Geschädigten der Colonia Dignidad” und seiner Enttäuschung über den Verlauf des gegenwärtigen Aufarbeitungsprozesses. 

Interview mit dem Mitgründer der “Not- und Interessengemeinschaft der Geschädigten der Colonia Dignidad” Jürgen Karwelat

Meike Dreckmann: Weißt du noch, wann und wie du zum ersten Mal von der Colonia Dignidad gehört hast?

Jürgen Karwelat: Das war im Herbst 1976. Ich hatte Zeit zwischen meinem Jurastudium an der Ruhr-Universität in Bochum und meiner Referendarzeit, die ich bei verschiedenen Stationen in Dortmund absolvieren wollte. Wir hatten mit Freund*innen einige Jahre zuvor eine Unterstützergruppe für chilenische politische Gefangene gegründet. Deshalb bin ich, ich glaube es war im September 1976, nach Frankfurt am Main zu Amnesty International gefahren, weil diese Gruppe die nach Deutschland geflüchteten Chilen*innen betreute. Ich traf dort auf Dieter Maier, dem ich anbot, für vier Monate in Frankfurt mitzuarbeiten. Dieter Maier lehnte zu meiner damals maßlosen Enttäuschung mein Angebot ab mit dem Argument, so viele Chilenen kämen zur Zeit nicht. Außerdem könnte ich kein Spanisch. Er gab mir dann aber einen kleinen Artikel der Süddeutschen Zeitung aus dem Jahr 1966, in dem über die Flucht eines gewissen Wolfgang Müller aus einem Gut einer deutschen Sekte in Chile berichtetet wurde. Dieter Maier meinte, es gäbe Hinweise darauf, dass in diesem Gut chilenische politische Gefangene festgehalten und gefoltert würden. Ich könnte doch versuchen, mehr über diese Gruppe zu erfahren.

Besonders eigenartig war meine Recherche in Siegburg.

MD: Du hast damals mit Dieter Maier für Amnesty International die berühmte Broschüre „Colonia Dignidad Deutsches Mustergut in Chile – ein Folterlager der DINA“ verfasst. Dabei hast du mit anderen die Recherche zur deutschen Vergangenheit der Schäfer-Sekte übernommen. Wie müssen sich die Leser*innen denn die damaligen Umstände vorstellen, mit denen ihr bei eurer Recherche-Arbeit zutun hattet?

JK: Der Zeitungsartikel war der Beginn einer dreimonatigen Recherche. Begonnen habe ich damit, in Dortmund im Zeitungsforschungsinstitut, alle verfügbaren Zeitungen durchzusehen, ob über die Flucht Wolfgang Müller berichtet wurde. Weil auch Regionalblätter berichtet hatten, entwickelte sich so langsam ein Mosaikbild mit Angaben über die Orte, aus denen die Mitglieder der Sekte stammten. Anschließend war ich für weitere Recherchen in Siegburg, Bonn, Gronau und Hamburg. Dort habe ich mit Journalist*innen, katholischen Priestern, evangelischen Pfarrern, mit Anwohner*innen und auch mit sehr vielen Verwandten gesprochen, die ihre Eltern, Geschwister oder weitere Verwandte an die Sekte verloren hatten. Sie haben mir auch Material, zum Beispiel Briefe und Zeitungsartikel gegeben. Teilweise war ich auch “verdeckt” unterwegs, wenn ich nicht erwähnte, dass ich für Amnesty International arbeitete, sondern vorgab, eine Diplomarbeit über die Sekte zu schreiben.

Besonders eigenartig war meine Recherche in Siegburg. Während die beiden Regionalzeitungen Siegburger Rundschau und Rhein-Sieg-Anzeiger kritisch über die Colonia Dignidad berichteten, stellte sich der CDU-Bürgermeister Adolf Herkenrath vor die Gruppe, deren deutscher Restteil in Siegburg wohnte und dort einen Lebensmittelladen betrieb. Es handele sich bei der Colonia Dignidad um eine wohltätige christliche Gemeinschaft, die zwar etwas verschroben sei, aber nur Gutes tue. Ganz anders sah das die Junge Union in Siegburg, die ihren Bürgermeister wegen seiner Haltung scharf angriff. Ich hatte bei meinen Recherchen auch etwas Angst, da ich immer mehr haarsträubende Tatsachen über brutale Zustände in der Colonia Dignidad erfuhr und auch die Zusammenarbeit der Sekte mit dem chilenischen Geheimdienst mir unheimlich und gefährlich erschien. Deshalb habe ich jeden Tag meine Mutter informiert, wo ich mich gerade befinde und was ich vorhabe, falls ich mich am nächsten Tag nicht bei ihr melde.

“Colonia Dignidad. Deutsches Mustergut in Chile – ein Folterlager der DINA.”

Das Verrückte war, dass ich in Hamburg bei einem Gespräch mit der Mutter eines Sektenmitglieds, das in Chile lebte, erfuhr, dass Wolfgang Müller in Verwandtenkreisen ebenfalls recherchierte. Ich habe mich mit ihm dann in einer Kneipe in Hamburg getroffen und durch vorsichtiges Nachfragen erfahren, dass er bei seinem Arbeitgeber, der Zeitschrift STERN, freigestellt sei, um über die Colonia Dignidad zu recherchieren, da der STERN zu diesem Thema eine Veröffentlichung plane. Das war der Beginn der Zusammenarbeit von Amnesty International und dem STERN, die zur zeitgleichen Veröffentlichung des STERN-Artikels und der Amnesty-Broschüre „Colonia Dignidad – Deutsches Mustergut in Chile, ein Folterlager der DINA“ am 21. März 1977 führte.

MD: Du bist außerdem auch Mitbegründer der “Not- und Interessengemeinschaft für die Geschädigten der Colonia Dignidad” gewesen. Wie kam es dazu, welche Anliegen hattet ihr konkret und wie erfolgreich war eure Arbeit?

JK: Nach der Veröffentlichung folgte, wie ich das befürchtet hatte, eine Klage der Sekte gegen uns und den STERN vor dem Landgericht Bonn. Die Sekte war so dreist, die von uns zusammengetragenen sehr dichten Aussagen und Indizien zu bestreiten. Vor dem Bonner Landgericht sagten ehemalige Häftlinge und sogar ein DINA-Agent aus, sodass das Thema aber immer wieder in den Medien aufgenommen wurde. Zum nächsten Knall kam es aber, als 1985 die Ehepaare Packmor und Hugo Baar, ehemals mit Paul Schäfer in der Führung der Sekte, aus der Colonia Dignidad flohen und vor der deutschen Botschaft über schwerste Menschenrechtsverletzungen und auch über Waffenschmuggel berichteten.

Paul Schäfer sollte genau wie die anderen Führungsmitglieder strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden.

MD: Und was passierte dann?

JK: Der Deutsche Bundestag griff dies mit gewisser Verzögerung auf und setzte im Februar 1988 eine Anhörung vor einem Unterausschuss des Deutschen Bundestages an. Wolfgang Müller und ich trommelten die uns bekannten Verwandten der Sektenmitglieder zusammen, damit sie an der öffentlichen Anhörung teilnahmen. Es kamen etwa 40 Leute zusammen. Wir haben in Bonn in einem Kloster gewohnt und am Vorabend der Anhörung beschlossen, den Betroffenenverein zu gründen. Der Name „Not-und Interessengemeinschaft der Geschädigten der Colonia Dignidad“ stammte von Wolfgang Müller, der inzwischen geheiratet und den Namen seiner Frau Kneese angenommen hatte. Die Satzung, die wir uns gegeben haben, stammte von mir. Ich habe Wert auf Basisdemokratie gelegt. Wir haben uns bewusst entschieden, wegen der Gefahr zu großer Bürokratie, den Verein nicht ins Vereinsregister einzutragen. Es gibt keinen Vorsitzenden. Wir haben damals fünf gleichberechtigte Sprecher gewählt. Einer davon war ich. Unser oberstes Ziel war, dass die Menschen, die in der Colonia Dignidad lebten, in freier Selbstbestimmung entscheiden sollten, wie sie leben. Paul Schäfer sollte genau wie die anderen Führungsmitglieder strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden. Auch die Aufklärung und Bestrafung der chilenischen Täter, die Folter und Mord begangen hatten, war Ziel der Not- und Interessengemeinschaft.

Jürgen Karwelat und Mitglieder der CD-Verwandtengruppe am 5.11.1988 in Siegburg. Die Gruppe hatte dort auf dem Platz vor dem Rathaus einen Informationsstand aufgestellt.

MD: Wie ging es dann weiter?

JK: Wir haben uns in den Folgejahren regelmäßig mindestens einmal im Jahr in Hannover oder Braunschweig getroffen. In Siegburg und Gronau haben wir Infoveranstaltungen gemacht und unzählige Interviews gegeben. Bei unserer Aktion in Siegburg kam es zur Konfrontation mit der Sekte, weil wir vor deren Lebensmittelladen unsere Flugblätter verteilt haben und die Sekte daraufhin die Polizei rief.

Leider haben die Aktivitäten der Not- und Interessengemeinschaft nicht den Skandal Colonia Dignidad beseitigt. Wir sind aber über Jahre dran geblieben und haben Bundestagsabgeordnete und das Auswärtige Amt mit Informationen und Protestbriefen versorgt und unser Unverständnis geäußert, dass die Menschenrechtsverletzungen, die in der Colonia Dignidad ja bis zum Verschwinden von Schäfer im Jahr 1997 weiter gingen, nicht unterbunden wurden. Als 2016 der Film „Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“ in die Kinos kam und dadurch wieder Aufmerksamkeit auf die Colonia Dignidad gezogen wurde, waren wir auch wieder bei öffentlichen Diskussionen dabei und haben Bundestagsabgeordnete sensibilisiert.

Schäfer hat uns, zu Recht, ernst genommen.

MD: Im Februar 2019 habe ich in der Villa Baviera im Rahmen meines Dissertationsprojekts Interviews mit den dortigen Bewohner*innen geführt. Dabei erzählte mir ein Zeitzeuge, dass ihr in der Colonia Dignidad von Paul Schäfer und anderen immer abfällig als „Kot- und Interessengemeinschaft“ bezeichnet wurdet. Ich würde sagen, dass dieser Spottname zeigt, dass ihr an den richtigen Stellen Druck gemacht habt. Siehst du das auch so?*

JK: Wir wussten nicht, dass wir in der Colonia Dignidad als „Kot- und Interessengemeinschaft“ bezeichnet wurden. Wir wussten allerdings, dass Paul Schäfer und seine Führungsgruppe uns bei den Sektenmitgliedern schlecht gemacht hat und vor einem Kontakt mit uns gewarnt hat. Wir waren „vom Teufel“. Dies zeigt allerdings, dass unsere Arbeit Wirkung gehabt hat. Paul Schäfer hat uns, zu Recht, ernst genommen.

Frauen standen beim Sektenführer am untersten Ende der Rangfolge.

MD: Gemeinsam mit Heike Rittel hast du zuletzt die “Frauenprotokolle” veröffentlicht. In den Interviews mit den Frauen wird sehr deutlich, dass auch die Mädchen und Frauen in der Colonia Dignidad zu Opfern von sexualisierter Gewalt wurden. Welche Bedeutung hatte das Buch deiner Einschätzung nach für den Prozess der Aufarbeitung dieses Teils der Colonia-Geschichte?

JK: Das Buch lenkt die Aufmerksamkeit auf eine Tatsache, die lange ignoriert worden war, nämlich das spezielle Schicksal der Frauen in der Colonia Dignidad. Mädchen und Frauen sind, wie auch die Jungen und Männer, geschlagen, getreten, eingesperrt und mit Psychopharmaka vollgepumpt worden. Für die Frauen hatte das aber zum Teil drastischere Folgen als für die Männer. Viele Frauen wurden unfruchtbar und kämpfen heute mit dem, aus ihrer Sicht, sehr schlimmen Schicksal, keine Kinder bekommen zu haben. Frauen standen beim Sektenführer am untersten Ende der Rangfolge. Das haben wir vor der Veröffentlichung des Buchs mit den Interviews, die Heike Rittel gemacht hat, so nicht beachtet.

Hier wird eine Antragsbürokratie aufgebaut.

MD: Wo siehst du die größten Herausforderungen für den laufenden Aufarbeitungsprozess und was wünschst du den verschiedenen deutschen und chilenischen Opfergruppen für die Zukunft?

 JK: Ich bin mit dem laufenden Prozess der Aufarbeitung und Wiedergutmachung sehr unzufrieden. Der Deutsche Bundestag hat im Juni 2017 weitreichende Beschlüsse zur Colonia Dignidad, bzw. zur Villa Baviera, wie sie sich heute nennt, gefasst. Es hapert aber mit der Umsetzung. Zur Entschädigung der Opfer der Sekte, also in erster Linie der deutschen Mitglieder der Sekte, ist zwar die Gründung eines Hilfsfonds beschlossen worden, der für 2019 mit einer Million Euro ausgestattet ist. Die Bedingungen zum Erhalt von maximal 10.000 Euro sind aber sehr bürokratisch ausgestaltet worden. Die Opfer empfinden es als bevormundend und inakzeptabel, dass sie genaue Rechenschaft darüber ablegen müssen, was sie mit dem versprochenen Geld machen. Die Menschen sind sehr arm und haben wegen der jahrelangen Zwangsarbeit keine Rentenansprüche erarbeitet. Das ist ihr Hauptproblem. Geld wird nur gewährt, wenn es verwendet wird, um noch bestehende Defizite, die durch den Aufenthalt in der Colonia Dignidad entstanden sind und noch weiter bestehen, beseitigt oder gelindert werden. Hier wird eine Antragsbürokratie aufgebaut. Klarer und einfacher wäre es gewesen, jedes Opfer hätte den Betrag zur eigenständigen freien Verwendung als Anerkennung der erlittenen Leiden erhalten, ähnlich den Zwangsarbeitern aus Osteuropa, denen man auch keine Vorschriften über die Verwendung des Geldes gemacht hat. In diesem Sinne haben wir bei den Bundestagsabgeordneten und dem Auswärtigen Amt interveniert. Eine Rückmeldung haben wir aber leider nicht erhalten.

Interview mit Dr. Elke Gryglewski über das geplante Gedenkstättenprojekt in der Villa Baviera

Die Schaffung einer Begegnungs- und Erinnerungsstätte in der Villa Baviera kommt meines Erachtens leider auch nicht richtig voran. Auch für die chilenischen Folteropfer muss dringend etwas getan werden. Wir sehen auch keine Aktivitäten, dass nach dem von den Führungsmitgliedern versteckten Geld gefahndet wird. In der Karibik soll Paul Schäfer viel Geld „gebunkert“ haben. Einzig positiv zu bewerten ist der Start des auch von uns begrüßten Oral-History-Projekts der Freien Universität Berlin. Es sollen in den nächsten drei Jahren ca. 50 Interviews mit ehemaligen Sektenmitgliedern, chilenischen Opfern und Aktivist*innen geführt werden, um die Colonia Dignidad wissenschaftlich zu dokumentieren und einen Teil dieser Interviews für die geplante Begegnungs- und Erinnerungsstätte zu nutzen.

MD: Und wie geht es mit der Arbeit der Not- und Interessengemeinschaft weiter?

JK: Eines kann man sagen, die Not- und Interessengemeinschaft, vor 31 Jahren gegründet, ist kleiner geworden, einige unserer Mitglieder sind schon sehr alt, einige sind gestorben. Wir machen aber weiter, um eine gerechte Lösung für die Opfer der Colonia Dignidad zu schaffen.

(Jürgen Karwelat beantwortete die Fragen schriftlich via Email.) 

*Aktualisierung am 20. August 2019 um 10:18 Uhr: Als Reaktion auf dieses Interview erhielt ich eine Email, in der ich darauf hingewiesen wurde, dass Paul Schäfer nicht nur von der “Kot- und Interessengemeinschaft”, sondern von der “Kot- und Fäkaliengemeinschaft” gesprochen hatte, um die Arbeit der “Not- und Interessengemeinschaft der Geschädigten der Colonia Dignidad” zu diskreditieren.