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Gastbeiträge

Kommentar von Dieter Maier zur Colonia Dignidad-Serie “Dignity”

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Kommentar von Dieter Maier zur Colonia Dignidad-Serie “Dignity”

Am Set von "Dignity", Quelle: SHP

Der Colonia Dignidad Public History Blog (CDPHB) versteht sich als interdisziplinärer Raum für Information und Diskussion. Der Sachbuchautor und Colonia Dignidad-Experte Dieter Maier hat einen Kommentar zu einem jüngst veröffentlichten Beitrag auf diesem Blog eingereicht mit der Bitte um Veröffentlichung.

 

Kommentar von Dieter Maier zum Blog-Artikel

“Zwischen Fiktion und Realität: ‘Dignity’ und Colonia Dignidad”

Dieses Interview wirft ein bedenkliches Licht auf den gegenwärtigen (2019) Stand der Aufarbeitung der Verbrechen der Colonia Dignidad.

Das sich „emotional Nähern“ dürfte bei einer nüchternen Betrachtung der Colonia Dignidad im Kontext der Pinochet-Diktatur nur in einem einfühlenden Verstehen der überlebenden Opfer bei genügend emotionaler Distanz bestehen. Der simple emotionale Zugang versperrt das Verständnis der größeren Zusammenhänge. Emotionale Beteiligung ist unvermeidlich, da die Colonia Dignidad ja immer noch von den meist deutschen Opfern und Tätern bewohnt ist. Wer den eingeübten Opferdiskurs der ehemaligen Siedler für bare Münze nimmt, versteht nicht, dass das System Schäfers und seiner Mithelfer eine unauflösliche Täter-Opfer-Symbiose hervorgebracht hat. Mitleid ohne Zorn ist ignorant.

Das Spiel mit Realität und Fiktion sollte man Schillers historischen Dramen überlassen. Es ist ein Geschäftsmodell, das Quoten erzielt, aber die Zusammenhänge verdunkelt. Das Besondere an der Colonia Dignidad ist, dass die Realität jede Fiktion überholt; es war schlimmer, als Film oder Buch es darstellen können. Fiktionale Bearbeitung bedeutet deshalb Verflachung, auch wenn sie noch so drastisch ist. Sie kann schockieren, aber keine Lernprozesse in Gang setzen.

Traumata, die noch heute nachwirken und zur nächsten Generation tradiert werden, sagen etwas über deren Ursachen aus, aber das ist kein Filmstoff. Ein Film kann allenfalls Symptome zeigen.

Vorzeitige Historisierung statt schrittweiser Aufarbeitung ist die Mumifizierung am lebenden Objekt mit dem Ziel, Geld mit der Pseudohistorisierung zu machen. Hier gibt es eine Umkehrung der sinnvollen Abfolge: Die Forschung müsste erst einmal alles vorhandene Material bearbeiten. Soweit ist es noch lange nicht, und es kommt ständig neues Material dazu. Die Sachbücher, die es gibt, legen immer Wert darauf, jeweils den bekannten Stand der Aufarbeitung zu dokumentieren. Die Colonia Dignidad ist das einzige mir bekannte Folterlager, das noch bewohnt ist, also Subjekt und Objekt in einem. Jeder Film, der heute gedreht wird, müsste der Verquickung von früher und heute, von Tätern und Opfern Rechnung tragen.

Der Denkmalschutz für die Villa Baviera wirkt wie eine Historisierung, ist aber eine Maßnahme, die verhindern soll, dass ein zukünftiger Gedenkort zuvor verändert, d.h. enthistorisiert wird. Für Menschen gibt es keinen Denkmalschutz. Ihre Erinnerungen unterliegen der ständigen Gefahr der Veränderung durch kommerzialisierter Befragung und schließlich Musealisierung.

Wir sind gerade in der Epoche der Deutungskämpfe zwischen verschiedenen Opfergruppen, und die Psychologisierungen leisten dem Opferdiskurs der Deutschen Vorschub. Chilenische Opfer sind an der historischen Wahrheit interessiert. Sie kommen meist nur am Rande vor. Damit erhalten die deutschen Opfer gegenüber den chilenischen ein mediales Übergewicht, dem die wissenschaftliche Aufarbeitung nur schwer entgegen halten kann.

In der Villa Baviera geben sich schaulustige GruselturistInnen, JournalistInnen, HistorikerInnen und FilmemacherInnen die Klinke in die Hand. Die Bewohner erzählen gegen ein kleines, aber stets willkommenes Entgelt immer wieder dieselbe Opfergeschichte. Durch diese Massenproduktion von Erinnerung entsteht eine seltsame Schleife von medialer Produktion und systematischer Aufarbeitung: Die systematische (und das ist nicht nur die wissenschaftliche) Aufarbeitung muss die meist sehr unkritisch geführten Interviews berücksichtigen, da sie ja einige Wahrheitselemente enthalten. Geschichte und Zeitgeschichte, kritisch dokumentierte Erinnerung und entgeltlicher Opferdiskurs verknoten sich, denn die sich verschiebenden Erinnerungsnarrative der (früheren) Sektenmitglieder sind Teil der Geschichte der Villa Baviera, die ja zur Nachgeschichte der Colonia Dignidad gehört. Das kann bedenkliche Engführung mit sich bringen, Homogenisierung der Narrative stellt sich fast automatisch ein.

Abgehangener Schinken dient nicht der Wahrheitsfindung.

Dieter Maier, Dezember 2019

 

Sie sind anderer Meinung als Dieter Maier und würden Ihre Sichtweise auch gerne mitteilen? Dann senden Sie eine Email mit Ihrem Anliegen an info@publichistoryblog.com. 

 

Gastbeiträge

Pressemitteilung des FDCL zum Fall des Psychiaters Otto Dörr

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Pressemitteilung des FDCL zum Fall des Psychiaters Otto Dörr

[Dies ist eine Pressemitteilung des FDCL, der hier unverändert als Gastbeitrag veröffentlicht wird.]

Pressemitteilung des Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika e.V.

Erfolg gegen Unterstützungsnetzwerk der Colonia Dignidad

Chilenische Ärztekammer stellt fest: Otto Dörr verletzte ethische Mindeststandards

[Santiago de Chile, 11.09.2019] Wie heute, am 46. Jahrestag des chilenischen Mililtärputsches, bekannt wurde, hat die chilenische Ärztekammer eine Sanktion gegen den deutschstämmigen Psychiater Otto Dörr verhängt. In einem ausführlich begründeten Beschluss stellte sie fest, Dörr habe nicht nach den ethischen Kriterien gehandelt, die zu erfüllen Ärztinnen und Ärzten obliege. Dörr hatte gemeinsam mit anderen „zivilen“ Persönlichkeiten jahrelang öffentlich die Colonia Dignidad unterstützt und somit zur Aufrechterhaltung der menschenrechtswidrigen Verhältnisse in der Deutschensiedlung beigetragen. Zudem hatte Dörr in Zusammenarbeit Hartmut Hopp – dem ehemaligen Leiter des Krankenhauses der Siedlung – Bewohner_innen der Colonia Dignidad mit Psychopharmaka „behandelt“. Ein „Patient“ von Dörr und Hopp, der Koloniebewohner Karl Stricker (siehe Foto unten), verstarb 2002 in der Colonia Dignidad, als er unter Psychopharmaka-Einfluss Dacharbeiten durchführen musste und abstürzte[1]. Stricker hatte 1996 versucht aus der Colonia Dignidad zu fliehen, wurde jedoch von der Sektenführung zurückgeholt. Dörr hatte ihm daraufhin Psychopharmaka-Medikamente verordnet und Bescheinigungen ausgestellt, die eine Vorladung durch die chilenische Justiz behinderten.

2018 wurde Otto Dörr der Nationale Medizinpreis Chiles zugesprochen. Dies führte zu einem Aufschrei des Protests in Menschenrechtskreisen, kurz darauf zur Einreichung mehrerer Anzeigen[2] gegen Dörr bei der chilenischen Ärztekammer und schließlich zur Eröffnung eines Verfahrens vor dem Ethik-Tribunal des Ärztegremiums. Die Verleihung des höchsten chilenischen Preises für Medizin wurde bis zum Abschluss des Verfahrens des Ethiktribunals der chilenischen Ärztekammer[3]suspendiert. Es wird erwartet, dass Dörr nach seiner Sanktionierung durch die Ärztekammer auch der Preis wieder aberkannt wird.

Das Ethiktribunal gab den Anzeigen nach einem anderthalbjährigen Verfahren statt und stellte fest, dass Dörrs Verhalten Verstöße gegen die Ethikrichtlinien der Ärztekammer darstellen. Besondere Bedeutung wird Dörrs Verhalten im Fall Karl Stricker beigemessen. Dutzende Zeug_innen wurden angehört, darunter auch viele, die zugunsten von Dörr aussagten. Zu diesen gehörte auch der Psychiater Niels Biedermann, der im Auftrag der deutschen Bundesregierung seit 2005 die (ehemaligen) Bewohner_innen der Colonia Dignidad psychiatrisch behandelt. Biedermann verteidigte Dörr wiederholt und unterzeichnete in der rechtskonservativen Zeitung El Mercurio eine Unterstützungs-Erklärung zugunsten von Dörr, die von einer „inakzeptablen Verleumdungskampagne“ sprach.

Jan Stehle vom FDCL, einer der Anzeigenerstatter gegen Otto Dörr, erklärt hierzu:

„Der Spruch des Ethiktribunals ist ein Vorgang von historischer Tragweite im Kontext der mühevollen Aufarbeitung der Verbrechen der Colonia Dignidad. Erstmals erfährt ein langjähriger Unterstützer der Colonia Dignidad Konsequenzen für sein Handeln. Das Netzwerk von Unterstützer_innen in Chile und Deutschland ermöglichte die Kontinuität der Menschenrechtsverbrechen in der kriminellen Sekte bis 2005. Die im Urteilsspruch dokumentierten Verbindungen von Otto Dörr zur Colonia Dignidad und zur Person Hartmut Hopp verdeutlichen erneut die skandalösen Unterlassungen auch seitens der deutschen Justiz bei der Aufarbeitung der systematischen Verbrechen der Colonia Dignidad, die längst noch nicht abgeschlossen ist. Ich erwarte, dass Otto Dörr nun umgehend der Nationale Medizinpreis aberkannt wird“

Hernán Fernández, langjähriger Anwalt vieler Colonia Dignidad-Opfer, der Stehle in dem Verfahren vor der Ärztekammer anwaltlich vertrat, ergänzt:

Dieser Beschluss bedeutet etwas Gerechtigkeit für die Opfer; denn das Verbrechenssystem der Colonia Dignidad konnte durch die ideologische Unterstützung von Personen wie Otto Dörr jahrzehntelang aufrechterhalten werden. Der Beschluss bedeutet auch etwas Gerechtigkeit für den verstorbenen Karl Stricker, der starb, ohne die ersehnte Freiheit zu erlangen.

Karl Stricker, früherer Bewohner der Colonia Dignidad. Er war von Otto Dörr und Hartmut Hopp mit Psychopharmaka „behandelt“ worden und kam 2002 bei einem Unfall zu Tode. (Foto: www.eldinamo.cl)

 

 

Download des Urteils:

https://www.cooperativa.cl/noticias/site/artic/20190910/asocfile/20190910222606/sentencia_causa_rol_n__008_18__10_09_19_.pdf

Erste chilenische Medienreaktionen:

https://www.cooperativa.cl/noticias/pais/judicial/villa-baviera/colegio-medico-aplico-sancion-etica-a-otto-dorr-por-hechos-ligados-a-la/2019-09-10/222606.html

https://www.eldesconcierto.cl/2019/09/11/colegio-medico-aplica-sancion-etica-a-otto-dorr-por-hechos-ligados-a-colonia-dignidad/

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Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika e.V.

Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin

Tel 030 6934029 Email: info@fdcl-berlin.de

 

 

 

[1] https://ciperchile.cl/2018/04/10/colonia-dignidad-la-muerte-de-karl-stricker-y-la-amnesia-de-otto-dorr/

[2] Zu den fünf Anzeigenerstatter_innen gehörten Jan Stehle, der Rechtsanwalt und ehemalige Bewohner der Colonia Dignidad Winfried Hempel, zwei Angehörigenverbände der Verschwundenen und eine Menschenrechtsorganisation.

[3] http://www.colegiomedico.cl/tribunales-de-etica/