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“Wir waren am meisten und intensivsten von der Sektenbildung betroffen.”

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“Wir waren am meisten und intensivsten von der Sektenbildung betroffen.”

Michael Gordon ist Pastor in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde (Baptisten) Gronau. Auf Wunsch jüngerer Gemeindemitglieder hat er sich die Erforschung der Vorgeschichte der Colonia Dignidad in Gronau vorgenommen. Im Interview gibt er einen ersten Einblick in seine Nachforschungen und erklärt, warum Paul Schäfer weder als Evangelist, noch als Baptist bezeichnet werden könne.

Gronauer Pastor Michael Gordon im Interview über seine Forschungen zur Colonia Dignidad 

Meike Dreckmann: Herr Gordon, inwiefern ist die Geschichte der Colonia Dignidad denn ein wichtiger Teil der Geschichte Ihrer Baptistengemeinde?

Michael Gordon: Fast die Hälfte der 300 ehemaligen Bewohner*innen der Colonia Dignidad stammte direkt oder indirekt (Mitglieder, Freund*innen, Kinder) aus der Baptistengemeinde Gronau. Wir waren am meisten und intensivsten von der Sektenbildung betroffen. Die Gemeinde verlor durch den Verlust der vielen Familien mit Kindern ihre natürliche Zukunft.

MD: Wie viele gegenwärtige Mitglieder Ihrer Gemeinde sind aus der ehemaligen Colonia Dignidad zu Ihnen gekommen?

MG: Dauerhaft hat sich uns nur eine Familie angeschlossen. Ich kenne aber die meisten anderen ehemaligen Bewohner*innen der Colonia Dignidad, die in Gronau wohnen, und habe zumeist einen guten, aber nicht engen Kontakt. Nach meinem Wissen haben nur wenige ehemalige Bewohner*innen der Colonia in einer deutschen Freikirche eine Heimat gefunden.

Paul Schäfers Zielgruppe waren Christ*innen.

MD: Der Gronauer Prediger Hugo Baar spaltete damals die örtliche Baptistengemeinde, indem er sich dem freien Evangelisten Paul Schäfer anschloss. Was faszinierte Hugo Baar und seine Anhänger*innen damals an der Person Paul Schäfer und an seinen „Lehren“?

MG: Zunächst möchte ich sagen, dass die Selbstbezeichnung Paul Schäfers als “Evangelist” irreführend ist. Der Titel war und ist nicht geschützt und wurde in frommen Kreisen mit etwas Anerkennenswertem assoziiert. Leben, Aktivitäten und Zielgruppe von Paul Schäfer entsprachen aber nicht der eines solchen Evangelisten. Nach meiner bisherigen Erkenntnis hat sich kaum jemand unmittelbar durch Paul Schäfer bekehrt (man vergleiche als Gegenbeispiel Billy Graham). Gerhard Mücke dürfte einer der ganz wenigen gewesen sein. Paul Schäfer hat sicherlich nicht durch Evangelisationen die Menschen an sich gezogen. Seine Zielgruppe waren Christ*innen. Hugo Baar hatte sich Mitte 1954 Paul Schäfer angeschlossen, was sich sofort in seiner veränderten Tätigkeit als Prediger in einer Baptistengemeinde in Salzgitter bemerkbar machte und sich dann bei seiner Arbeit in Gronau fortsetzte. Die Spaltung in Gronau ist ein komplexes Geschehen, zu dem ich mich an anderer Stelle äußern werde, genauso die Gründe, warum man sich Paul Schäfer angeschlossen hat. Sie dürften aber unterschiedlich gewesen sein.

Es ist eine meiner Herausforderungen, das spezifisch “Schäferische” herauszuarbeiten.

MD: Wo sehen Sie baptistische Einflüsse in Schäfers “Lehren” und an welchen Stellen wurde das damalige Glaubensgerüst eindeutig zu einer Privatreligion Schäfers?

MG: Paul Schäfer war nie Baptist, ließ sich zwar in den fünfziger Jahren taufen und taufte auch kurzzeitig selbst. Die Taufe spielte aber schon bald in seiner “Theologie” keine Rolle mehr. Zwar stammten 85 % seiner Anhänger*innen aus den Baptistengemeinden, die entscheidende Mehrheit hatte sich aber mit dem Anschluss an Paul Schäfer/Hugo Baar innerlich von Grundgedanken des Baptismus entfernt. Entscheidend muss für Paul Schäfer seine Begegnung mit –im weitesten Sinne– Pfingstlern gewesen sein. Der Entschluss zu einer eigenen “Kirche” fiel vermutlich schon gegen Ende seines Aufenthaltes in Gartow Anfang der 50er-Jahre. Wie vorhin erwähnt, ist es eine meiner Herausforderungen, das spezifisch “Schäferische” herauszuarbeiten. Die von Paul Schäfer im Laufe der Zeit vorgenommenen inhaltlichen und praktischen Veränderung bei der Beichte gehören sicherlich dazu. Hatte sie zu Anfang noch sehr viel Ähnlichkeit mit vergleichbaren “Beichten” in anderen christlichen Gruppen und Strömungen, so war sie Anfang 1960 nur noch ein Zerrbild. Diese Änderung der Beichte geschah in einem Prozess in den 50er-Jahren.

Die Leitung und die Predigerschaft unseres Baptistenbundes waren damals in das tragische Geschehen involviert.

MD: Wie kam es dazu, dass Sie sich die Erforschung dieses Teils der Gemeindegeschichte vornahmen?

MG: Die kriminellen Machenschaften in der Colonia Dignidad, die durch den Spielfilm “Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück” einem breiteren internationalen Publikum bekannter wurden, aber auch die Rückkehr ehemaliger Colonia-Bewohner*innen nach Gronau und auch Anfragen von außerhalb der Gemeinde, ließen die Frage intern bei den Jüngeren aufkommen, was damals in der Gemeinde vor 1962 passierte. Diese Frage konnte oder wollte kaum einer von den damals Beteiligten beantworten. Wir fanden dann ein altes Protokollbuch des Gemeindeleiters (beginnend 1957) und es wurde deutlich, dass das Drama in Gronau viel größere Dimensionen hatte, als wir “Jüngeren” wussten oder gar ahnten. Die Leitung und die Predigerschaft unseres Baptistenbundes waren damals in das tragische Geschehen involviert. Bis Ende 1957 waren mehrere Baptistengemeinden in drei verschiedenen Landesverbänden von Spaltungen betroffen und drei Prediger wurden von der Prediger-Liste gestrichen, d.h. sie durften nicht mehr als Prediger der Baptistengemeinden arbeiten.

MD: Wie müssen sich die Leser*innen den Umfang Ihrer Nachforschungen vorstellen?

MG: Es leiten mich drei Fragen. Erstens: Was passierte genau in Gronau? Hier geht es dann insbesondere um die Jahre 1955 -1962. Zweitens: Warum passierte es, oder besser: Wie konnte so etwas passieren? Und drittens: Worin genau unterschied sich im Laufe der Zeit die Gruppe um Paul Schäfer und Hugo Baar von allen anderen vergleichbaren christlichen Bewegungen der 50er-Jahre?

MD: Und können Sie schon erste Erkenntnisse teilen?

MG: Erst im Laufe der umfangreichen Recherchen und auch dann durch meinen Besuch im Frühjahr diesen Jahres in der ehemaligen Colonia Dignidad wurde mir deutlich, dass man Gronau nicht separat betrachten kann und darf, sondern es um alle Personen und Gemeinden geht, die sich Paul Schäfer und Hugo Baar anschlossen. Alle Ereignisse und Personen stehen in Wechselwirkung zueinander.

Als Pastor oder Theologe geht es mir dabei insbesondere um das religiöse Weltbild und die religiösen Praktiken der betroffenen Personen in den Gemeinden und der Hauptakteure Paul Schäfer und Hugo Baar. Der Forschungszeitraum umfasst, in Bezug auf die Anhänger*innen der späteren Sekte beziehungsweise die betroffenen Gemeinden, die Nachkriegszeit bis 1962; in Bezug auf Paul Schäfer und Hugo Baar deren Lebensgeschichte bis 1962. Die Folgezeit in Chile wird insofern mit einbezogen, als dass man anhand der späteren Früchte auf die Wurzeln schließen kann.

Es lässt sich nachweisen, dass sehr viele Gedanken und Aktivitäten der späteren Sekte in den 50er-Jahren Parallelen zu den frommen christlichen evangelischen Kreisen der damaligen Zeit aufweisen. Die Herausforderung besteht nun darin, herauszukristallisieren, worin genau das Spezifikum bestand, sodass aus der Anhängerschaft Schäfer/Baar eine Sekte entstehen konnte.

MD: Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihren Nachforschungen?

MG: Die Zielsetzung der Forschungsarbeit und einer beabsichtigten Publikation ist vielschichtig.

  1. Für unsere Gemeinde ist es wichtig, a) dass sie weiß, was damals passierte und dass sie sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt und, b) dass sie sprachfähig ist, gegenüber der Außenwelt, die uns immer mit der Colonia Dignidad in Verbindung bringen wird.
  2. Das Gleiche gilt in geminderter Form für die anderen damals betroffenen Gemeinden und in ähnlicher Weise für den deutschen Baptismus.
  3. Den ehemaligen Bewohner*innen der Colonia Dignidad soll es ebenfalls helfen, ihre Wurzeln zu verstehen, um so vielleicht etwas besser mit ihrem Schicksal umgehen zu können.
  4. Die Bürger*innen der Stadt Gronau haben damals die schrecklichen Ereignisse hautnah miterlebt, denn es waren ihre Nachbar*innen, Arbeitskolleg*innen, Schulkamerad*innen und bisweilen auch ihre Verwandten. Auch sie haben ein Recht zu erfahren, was warum geschah.
  5. Die Geschichte der Colonia Dignidad wird sicherlich über Jahrzehnte ein Forschungsprojekt unterschiedlicher Disziplinen sein. Meine spezifische Sichtweise und Darbietung alter Dokumente soll anderen Forschenden in ihrem Bemühen eine Unterstützung sein.

Michael Gordon im Oncken-Archiv des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden

MD: Wie sieht es denn in den Kirchenarchiven aus? Mit welchem Bestand arbeiten Sie?

MG: Die Freikirchen haben nicht automatisch ein gepflegtes Kirchenarchiv noch eine*n Zuständige*n für alte Gemeindeakten. So ist es sehr mühselig und zeitraubend, entsprechende Dokumente zu finden oder zu erhalten und ich bin auf die Mithilfe anderer angewiesen. Am umfangreichsten ist sicherlich das Material aus Gronau, beziehungsweise das, was ich im Archiv unseres Gemeindebundes gefunden habe und das sich überwiegend auf Gronau bezieht. Insgesamt habe ich mittlerweile etliche 100 Seiten bisher nicht ausgewerteter Dokumente angesammelt.

MD: Wurden Sie bei Ihrer Dokumentensuche auch von älteren Gemeindemitgliedern und Zeitzeug*innen aus Gronau unterstützt?

MG: Den Grundstock bildet ein Ordner von Heinz Rahl, dessen Angehörige teilweise zur Colonia Dignidad gehörten. Er hatte mir den Ordner vor seinem Tod gegeben, zu einem Zeitpunkt, an dem ich mich aber erst wenig für die Colonia interessierte. Er enthält unter anderem Gronauer Zeitungsberichte aus den frühen 60er-Jahren und zwei interessante Briefe. Privatpersonen in Gronau besitzen sonst meistens keine relevanten Dokumente, zumal die allermeisten damals unmittelbar Betroffenen mittlerweile verstorben sind. Mündlich wird mir aber das ein oder andere erzählt.

Wie gesagt, alles sind kleine Details, die zusammen ein Gesamtbild ergeben werden.

MD: Gab es besonders unerwartete Materialfunde während Ihrer Recherche?

MG: Jedes neue Dokument ist wie ein Puzzleteil, welches das Bild nach und nach vervollständigt. So bekam ich vor einiger Zeit ein Dokument über Paul Schäfers Bemühen, in der Pfingstgemeinde Graz Einfluss zu nehmen. Kurz darauf fand ich in einer Autobiographie eines österreichischen Pfingstpredigers einen kurzen kritischen, persönlichen Bericht über seine Begegnung mit Paul Schäfer, der im Zusammenhang mit genau diesem Dokument steht. Zuletzt erhielt ich auch Einsicht in Protokolle von Baptistengemeinden aus dem Großraum Schwülper/Wasbüttel, die Aufschluss über die Zusammenarbeit mit Paul Schäfer geben. Wie gesagt, alles sind kleine Details, die zusammen ein Gesamtbild ergeben werden.

MD: Und zuletzt: Ist es auch anderen Forscher*innen und Interessierten möglich, in Ihren Gemeindearchiven zu der Frühgeschichte der Colonia Dignidad zu recherchieren? An wen können sich Interessierte denn am besten wenden?

MG: Ich beabsichtige nach einer Publikation, meine Dokumente einem Archiv zur weiteren Forschung zur Verfügung zu stellen. Alles andere ist leider schwierig, da das Meiste über persönliche Kontakte lief. Viele Kontakt wurden mir als Pastor aus der Baptistengemeinde Gronau, die unmittelbar betroffen war und ist, anvertraut.

(Michael Gordon beantwortete die Fragen schriftlich via Email.) 

Akteur*innen & Projekte/Interviews

“Ich bin mit dem laufenden Prozess der Aufarbeitung sehr unzufrieden.”

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“Ich bin mit dem laufenden Prozess der Aufarbeitung sehr unzufrieden.”

Die Not- und Interessengemeinschaft beim Treffen 2012, Jürgen Karwelat ist der vierte von links.

Jürgen Karwelat traf 1976 auf Dieter Maier. Dieser schlug ihm im Namen von Amnesty International die Recherche zu einer deutschen Sekte in Chile vor, in der sich laut Medienberichten chilenische politische Gefangene aufhalten sollten. Im Interview erzählt Jürgen Karwelat von seinen damaligen Recherche-Erlebnissen, der Gründung der “Not-und Interessengemeinschaft der Geschädigten der Colonia Dignidad” und seiner Enttäuschung über den Verlauf des gegenwärtigen Aufarbeitungsprozesses. 

Interview mit dem Mitgründer der “Not- und Interessengemeinschaft der Geschädigten der Colonia Dignidad” Jürgen Karwelat

Meike Dreckmann: Weißt du noch, wann und wie du zum ersten Mal von der Colonia Dignidad gehört hast?

Jürgen Karwelat: Das war im Herbst 1976. Ich hatte Zeit zwischen meinem Jurastudium an der Ruhr-Universität in Bochum und meiner Referendarzeit, die ich bei verschiedenen Stationen in Dortmund absolvieren wollte. Wir hatten mit Freund*innen einige Jahre zuvor eine Unterstützergruppe für chilenische politische Gefangene gegründet. Deshalb bin ich, ich glaube es war im September 1976, nach Frankfurt am Main zu Amnesty International gefahren, weil diese Gruppe die nach Deutschland geflüchteten Chilen*innen betreute. Ich traf dort auf Dieter Maier, dem ich anbot, für vier Monate in Frankfurt mitzuarbeiten. Dieter Maier lehnte zu meiner damals maßlosen Enttäuschung mein Angebot ab mit dem Argument, so viele Chilenen kämen zur Zeit nicht. Außerdem könnte ich kein Spanisch. Er gab mir dann aber einen kleinen Artikel der Süddeutschen Zeitung aus dem Jahr 1966, in dem über die Flucht eines gewissen Wolfgang Müller aus einem Gut einer deutschen Sekte in Chile berichtetet wurde. Dieter Maier meinte, es gäbe Hinweise darauf, dass in diesem Gut chilenische politische Gefangene festgehalten und gefoltert würden. Ich könnte doch versuchen, mehr über diese Gruppe zu erfahren.

Besonders eigenartig war meine Recherche in Siegburg.

MD: Du hast damals mit Dieter Maier für Amnesty International die berühmte Broschüre „Colonia Dignidad Deutsches Mustergut in Chile – ein Folterlager der DINA“ verfasst. Dabei hast du mit anderen die Recherche zur deutschen Vergangenheit der Schäfer-Sekte übernommen. Wie müssen sich die Leser*innen denn die damaligen Umstände vorstellen, mit denen ihr bei eurer Recherche-Arbeit zutun hattet?

JK: Der Zeitungsartikel war der Beginn einer dreimonatigen Recherche. Begonnen habe ich damit, in Dortmund im Zeitungsforschungsinstitut, alle verfügbaren Zeitungen durchzusehen, ob über die Flucht Wolfgang Müller berichtet wurde. Weil auch Regionalblätter berichtet hatten, entwickelte sich so langsam ein Mosaikbild mit Angaben über die Orte, aus denen die Mitglieder der Sekte stammten. Anschließend war ich für weitere Recherchen in Siegburg, Bonn, Gronau und Hamburg. Dort habe ich mit Journalist*innen, katholischen Priestern, evangelischen Pfarrern, mit Anwohner*innen und auch mit sehr vielen Verwandten gesprochen, die ihre Eltern, Geschwister oder weitere Verwandte an die Sekte verloren hatten. Sie haben mir auch Material, zum Beispiel Briefe und Zeitungsartikel gegeben. Teilweise war ich auch “verdeckt” unterwegs, wenn ich nicht erwähnte, dass ich für Amnesty International arbeitete, sondern vorgab, eine Diplomarbeit über die Sekte zu schreiben.

Besonders eigenartig war meine Recherche in Siegburg. Während die beiden Regionalzeitungen Siegburger Rundschau und Rhein-Sieg-Anzeiger kritisch über die Colonia Dignidad berichteten, stellte sich der CDU-Bürgermeister Adolf Herkenrath vor die Gruppe, deren deutscher Restteil in Siegburg wohnte und dort einen Lebensmittelladen betrieb. Es handele sich bei der Colonia Dignidad um eine wohltätige christliche Gemeinschaft, die zwar etwas verschroben sei, aber nur Gutes tue. Ganz anders sah das die Junge Union in Siegburg, die ihren Bürgermeister wegen seiner Haltung scharf angriff. Ich hatte bei meinen Recherchen auch etwas Angst, da ich immer mehr haarsträubende Tatsachen über brutale Zustände in der Colonia Dignidad erfuhr und auch die Zusammenarbeit der Sekte mit dem chilenischen Geheimdienst mir unheimlich und gefährlich erschien. Deshalb habe ich jeden Tag meine Mutter informiert, wo ich mich gerade befinde und was ich vorhabe, falls ich mich am nächsten Tag nicht bei ihr melde.

“Colonia Dignidad. Deutsches Mustergut in Chile – ein Folterlager der DINA.”

Das Verrückte war, dass ich in Hamburg bei einem Gespräch mit der Mutter eines Sektenmitglieds, das in Chile lebte, erfuhr, dass Wolfgang Müller in Verwandtenkreisen ebenfalls recherchierte. Ich habe mich mit ihm dann in einer Kneipe in Hamburg getroffen und durch vorsichtiges Nachfragen erfahren, dass er bei seinem Arbeitgeber, der Zeitschrift STERN, freigestellt sei, um über die Colonia Dignidad zu recherchieren, da der STERN zu diesem Thema eine Veröffentlichung plane. Das war der Beginn der Zusammenarbeit von Amnesty International und dem STERN, die zur zeitgleichen Veröffentlichung des STERN-Artikels und der Amnesty-Broschüre „Colonia Dignidad – Deutsches Mustergut in Chile, ein Folterlager der DINA“ am 21. März 1977 führte.

MD: Du bist außerdem auch Mitbegründer der “Not- und Interessengemeinschaft für die Geschädigten der Colonia Dignidad” gewesen. Wie kam es dazu, welche Anliegen hattet ihr konkret und wie erfolgreich war eure Arbeit?

JK: Nach der Veröffentlichung folgte, wie ich das befürchtet hatte, eine Klage der Sekte gegen uns und den STERN vor dem Landgericht Bonn. Die Sekte war so dreist, die von uns zusammengetragenen sehr dichten Aussagen und Indizien zu bestreiten. Vor dem Bonner Landgericht sagten ehemalige Häftlinge und sogar ein DINA-Agent aus, sodass das Thema aber immer wieder in den Medien aufgenommen wurde. Zum nächsten Knall kam es aber, als 1985 die Ehepaare Packmor und Hugo Baar, ehemals mit Paul Schäfer in der Führung der Sekte, aus der Colonia Dignidad flohen und vor der deutschen Botschaft über schwerste Menschenrechtsverletzungen und auch über Waffenschmuggel berichteten.

Paul Schäfer sollte genau wie die anderen Führungsmitglieder strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden.

MD: Und was passierte dann?

JK: Der Deutsche Bundestag griff dies mit gewisser Verzögerung auf und setzte im Februar 1988 eine Anhörung vor einem Unterausschuss des Deutschen Bundestages an. Wolfgang Müller und ich trommelten die uns bekannten Verwandten der Sektenmitglieder zusammen, damit sie an der öffentlichen Anhörung teilnahmen. Es kamen etwa 40 Leute zusammen. Wir haben in Bonn in einem Kloster gewohnt und am Vorabend der Anhörung beschlossen, den Betroffenenverein zu gründen. Der Name „Not-und Interessengemeinschaft der Geschädigten der Colonia Dignidad“ stammte von Wolfgang Müller, der inzwischen geheiratet und den Namen seiner Frau Kneese angenommen hatte. Die Satzung, die wir uns gegeben haben, stammte von mir. Ich habe Wert auf Basisdemokratie gelegt. Wir haben uns bewusst entschieden, wegen der Gefahr zu großer Bürokratie, den Verein nicht ins Vereinsregister einzutragen. Es gibt keinen Vorsitzenden. Wir haben damals fünf gleichberechtigte Sprecher gewählt. Einer davon war ich. Unser oberstes Ziel war, dass die Menschen, die in der Colonia Dignidad lebten, in freier Selbstbestimmung entscheiden sollten, wie sie leben. Paul Schäfer sollte genau wie die anderen Führungsmitglieder strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden. Auch die Aufklärung und Bestrafung der chilenischen Täter, die Folter und Mord begangen hatten, war Ziel der Not- und Interessengemeinschaft.

Jürgen Karwelat und Mitglieder der CD-Verwandtengruppe am 5.11.1988 in Siegburg. Die Gruppe hatte dort auf dem Platz vor dem Rathaus einen Informationsstand aufgestellt.

MD: Wie ging es dann weiter?

JK: Wir haben uns in den Folgejahren regelmäßig mindestens einmal im Jahr in Hannover oder Braunschweig getroffen. In Siegburg und Gronau haben wir Infoveranstaltungen gemacht und unzählige Interviews gegeben. Bei unserer Aktion in Siegburg kam es zur Konfrontation mit der Sekte, weil wir vor deren Lebensmittelladen unsere Flugblätter verteilt haben und die Sekte daraufhin die Polizei rief.

Leider haben die Aktivitäten der Not- und Interessengemeinschaft nicht den Skandal Colonia Dignidad beseitigt. Wir sind aber über Jahre dran geblieben und haben Bundestagsabgeordnete und das Auswärtige Amt mit Informationen und Protestbriefen versorgt und unser Unverständnis geäußert, dass die Menschenrechtsverletzungen, die in der Colonia Dignidad ja bis zum Verschwinden von Schäfer im Jahr 1997 weiter gingen, nicht unterbunden wurden. Als 2016 der Film „Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“ in die Kinos kam und dadurch wieder Aufmerksamkeit auf die Colonia Dignidad gezogen wurde, waren wir auch wieder bei öffentlichen Diskussionen dabei und haben Bundestagsabgeordnete sensibilisiert.

Schäfer hat uns, zu Recht, ernst genommen.

MD: Im Februar 2019 habe ich in der Villa Baviera im Rahmen meines Dissertationsprojekts Interviews mit den dortigen Bewohner*innen geführt. Dabei erzählte mir ein Zeitzeuge, dass ihr in der Colonia Dignidad von Paul Schäfer und anderen immer abfällig als „Kot- und Interessengemeinschaft“ bezeichnet wurdet. Ich würde sagen, dass dieser Spottname zeigt, dass ihr an den richtigen Stellen Druck gemacht habt. Siehst du das auch so?*

JK: Wir wussten nicht, dass wir in der Colonia Dignidad als „Kot- und Interessengemeinschaft“ bezeichnet wurden. Wir wussten allerdings, dass Paul Schäfer und seine Führungsgruppe uns bei den Sektenmitgliedern schlecht gemacht hat und vor einem Kontakt mit uns gewarnt hat. Wir waren „vom Teufel“. Dies zeigt allerdings, dass unsere Arbeit Wirkung gehabt hat. Paul Schäfer hat uns, zu Recht, ernst genommen.

Frauen standen beim Sektenführer am untersten Ende der Rangfolge.

MD: Gemeinsam mit Heike Rittel hast du zuletzt die “Frauenprotokolle” veröffentlicht. In den Interviews mit den Frauen wird sehr deutlich, dass auch die Mädchen und Frauen in der Colonia Dignidad zu Opfern von sexualisierter Gewalt wurden. Welche Bedeutung hatte das Buch deiner Einschätzung nach für den Prozess der Aufarbeitung dieses Teils der Colonia-Geschichte?

JK: Das Buch lenkt die Aufmerksamkeit auf eine Tatsache, die lange ignoriert worden war, nämlich das spezielle Schicksal der Frauen in der Colonia Dignidad. Mädchen und Frauen sind, wie auch die Jungen und Männer, geschlagen, getreten, eingesperrt und mit Psychopharmaka vollgepumpt worden. Für die Frauen hatte das aber zum Teil drastischere Folgen als für die Männer. Viele Frauen wurden unfruchtbar und kämpfen heute mit dem, aus ihrer Sicht, sehr schlimmen Schicksal, keine Kinder bekommen zu haben. Frauen standen beim Sektenführer am untersten Ende der Rangfolge. Das haben wir vor der Veröffentlichung des Buchs mit den Interviews, die Heike Rittel gemacht hat, so nicht beachtet.

Hier wird eine Antragsbürokratie aufgebaut.

MD: Wo siehst du die größten Herausforderungen für den laufenden Aufarbeitungsprozess und was wünschst du den verschiedenen deutschen und chilenischen Opfergruppen für die Zukunft?

 JK: Ich bin mit dem laufenden Prozess der Aufarbeitung und Wiedergutmachung sehr unzufrieden. Der Deutsche Bundestag hat im Juni 2017 weitreichende Beschlüsse zur Colonia Dignidad, bzw. zur Villa Baviera, wie sie sich heute nennt, gefasst. Es hapert aber mit der Umsetzung. Zur Entschädigung der Opfer der Sekte, also in erster Linie der deutschen Mitglieder der Sekte, ist zwar die Gründung eines Hilfsfonds beschlossen worden, der für 2019 mit einer Million Euro ausgestattet ist. Die Bedingungen zum Erhalt von maximal 10.000 Euro sind aber sehr bürokratisch ausgestaltet worden. Die Opfer empfinden es als bevormundend und inakzeptabel, dass sie genaue Rechenschaft darüber ablegen müssen, was sie mit dem versprochenen Geld machen. Die Menschen sind sehr arm und haben wegen der jahrelangen Zwangsarbeit keine Rentenansprüche erarbeitet. Das ist ihr Hauptproblem. Geld wird nur gewährt, wenn es verwendet wird, um noch bestehende Defizite, die durch den Aufenthalt in der Colonia Dignidad entstanden sind und noch weiter bestehen, beseitigt oder gelindert werden. Hier wird eine Antragsbürokratie aufgebaut. Klarer und einfacher wäre es gewesen, jedes Opfer hätte den Betrag zur eigenständigen freien Verwendung als Anerkennung der erlittenen Leiden erhalten, ähnlich den Zwangsarbeitern aus Osteuropa, denen man auch keine Vorschriften über die Verwendung des Geldes gemacht hat. In diesem Sinne haben wir bei den Bundestagsabgeordneten und dem Auswärtigen Amt interveniert. Eine Rückmeldung haben wir aber leider nicht erhalten.

Interview mit Dr. Elke Gryglewski über das geplante Gedenkstättenprojekt in der Villa Baviera

Die Schaffung einer Begegnungs- und Erinnerungsstätte in der Villa Baviera kommt meines Erachtens leider auch nicht richtig voran. Auch für die chilenischen Folteropfer muss dringend etwas getan werden. Wir sehen auch keine Aktivitäten, dass nach dem von den Führungsmitgliedern versteckten Geld gefahndet wird. In der Karibik soll Paul Schäfer viel Geld „gebunkert“ haben. Einzig positiv zu bewerten ist der Start des auch von uns begrüßten Oral-History-Projekts der Freien Universität Berlin. Es sollen in den nächsten drei Jahren ca. 50 Interviews mit ehemaligen Sektenmitgliedern, chilenischen Opfern und Aktivist*innen geführt werden, um die Colonia Dignidad wissenschaftlich zu dokumentieren und einen Teil dieser Interviews für die geplante Begegnungs- und Erinnerungsstätte zu nutzen.

MD: Und wie geht es mit der Arbeit der Not- und Interessengemeinschaft weiter?

JK: Eines kann man sagen, die Not- und Interessengemeinschaft, vor 31 Jahren gegründet, ist kleiner geworden, einige unserer Mitglieder sind schon sehr alt, einige sind gestorben. Wir machen aber weiter, um eine gerechte Lösung für die Opfer der Colonia Dignidad zu schaffen.

(Jürgen Karwelat beantwortete die Fragen schriftlich via Email.) 

*Aktualisierung am 20. August 2019 um 10:18 Uhr: Als Reaktion auf dieses Interview erhielt ich eine Email, in der ich darauf hingewiesen wurde, dass Paul Schäfer nicht nur von der “Kot- und Interessengemeinschaft”, sondern von der “Kot- und Fäkaliengemeinschaft” gesprochen hatte, um die Arbeit der “Not- und Interessengemeinschaft der Geschädigten der Colonia Dignidad” zu diskreditieren. 

Akteur*innen & Projekte/Interviews

“Die Colonia Dignidad war ein integraler Bestandteil der chilenischen Diktatur.”

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Ich glaube, du hast mir mal gesagt, dass du lange Zeit Paul Schäfers Feind Nummer 1 warst. Wie kam es dazu?
Ich bin nicht sicher, ob ich die Nr. 1 war. Schäfer und seine direkten Helfer visierten mich auf jeden Fall als Feind an. Jürgen Karwelat und ich schrieben 1976 die Broschüre von Amnesty international „Colonia Dignidad – deutsches Mustergut in Chile, ein Folterlager der DINA”, (Frankfurt am Main 1977), die dann im darauf folgenden Jahr erschien und die Colonia Dignidad  in Bedrängnis brachte. Ich bekam dann auch einen anonymen Drohanruf auf Spanisch.
Wir haben zum ersten Mal miteinander gesprochen, als du am 26. April 2016 als Experte auf dem Podium anlässlich einer Veranstaltung zu der Rolle des Auswärtigen Amtes in der Geschichte der Colonia Dignidad eingeladen warst. In seiner Rede sagte Frank-Walter Steinmeier in der damaligen Funktion als Außenminister „der Umgang mit der Colonia Dignidad ist kein Ruhmesblatt, auch nicht in der Geschichte des Auswärtigen Amtes.“ Er fügte hinzu: „Über viele Jahre hinweg, von den sechziger bis in die achtziger Jahre haben deutsche Diplomaten bestenfalls weggeschaut – jedenfalls eindeutig zu wenig für den Schutz ihrer Landsleute in dieser Kolonie getan.“ Wie war es für dich diese Sätze im Auswärtigen Amt zu hören, nachdem du schon so viele Jahre gegen die Colonia Dignidad gekämpft hattest?
Nun ja, es war keine Überraschung. Ich hatte am Rande etwas mit den Vorbereitungen der Veranstaltung zu tun, und kleine Passagen der Steinmeier-Rede gehen auf mich zurück. Aber es war eine große Genugtuung.
Immer wieder heißt es, dass es nichts Vergleichbares zur Geschichte der Colonia Dignidad gibt. Woran liegt das? Was unterscheidet diese Sektengeschichte deiner Meinung nach von anderen? 
Es geht nicht nur um eine Sekte, sondern um eine Repressionsagentur der Pinochet-Diktatur von großer Wirkung. Bezieht man die interne Sektenstruktur mit ein, erweist sich die Colonia Dignidad als eine nach außen und innen hochrepressive Sklavenhaltergesellschaft, die etwa ein halbes Jahrhundert lang bestand, und dies zu unseren Lebzeiten. Nimmt man zur Systematik und zeitlichen Länge der Repression die Mischung aus Folter, sexuellem Missbrauch, Waffengeschäften usw. dazu, dann gibt es nichts Vergleichbares.
Du plädierst immer wieder dafür, die Colonia Dignidad als historisches System zu begreifen, das über die eigenen Zäune hinausragt(e). Wo machen die meisten Menschen einen Denkfehler, wenn sie sich mit der Colonia Dignidad auseinandersetzen?
Es ist, wie wenn jemand ein Pflaster im Gesicht hat: Man versucht nicht hinzusehen und tut es immer wieder doch. Der Blick richtet sich auf das Dorf innerhalb des Zaunes und auf die deutschen Opfer. Diese Perspektive ist ethnisch eingeengt, enthistorisiert und entpolitisiert. Die Colonia Dignidad war ein integraler Bestandteil der chilenischen Diktatur.
Wie würdest du Paul Schäfer charakterisieren?
Ein machtversessener, genialer Manipulator. Er hat sich selbst ein kleines Reich geschaffen, wo er seine destruktiven Bedürfnisse ungestraft ausleben konnte. Ich weiß bis heute nicht, ob er seine eigenen Lügen geglaubt hat.
Wie lange willst du dich noch mit dem Thema Colonia Dignidad beschäftigen?
Ich würde nach fast 50 Jahren Beschäftigung mit dem Thema am liebsten heute noch aufhören.