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Forschungseinblicke/Interviews

Zwischen Fiktion und Realität: “Dignity” und Colonia Dignidad

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Zwischen Fiktion und Realität: “Dignity” und Colonia Dignidad

Marcel Rodríguez spielt Leo Ramírez (Quelle: SHP)

Am 19. Dezember 2019 startet das Medienunternehmen ProSiebenSat.1 auf seiner Streaming-Plattform Joyn mit einer kostenpflichtigen Premium-Version. Bekannt wurde der neue Streaming-Dienst vor allem mit der kostenlosen Ausstrahlung von beliebten Serien wie “Jerks” mit Fahri Yardim und Christian Ulmen oder zuletzt “Check Check” mit Klaas Heufer-Umlauf in den Hauptrollen. Die kostenpflichtige Premium-Version von Joyn wird in Kürze mit der chilenisch-deutschen Serie “Dignity” eingeläutet.

Der Titel der Serie spielt auf den zynisch anmutenden Namen Colonia Dignidad (deutsch: Kolonie der Würde) an, den die deutsche Sekten-Gemeinde im Süden Chiles ab 1961 trug bis sie sich im Jahr 1988 in Villa Baviera (deutsch: Bayerisches Dorf) umbenannte. “Dignity” ist ein chilenisch-deutsches Gemeinschaftsprojekt und wird von der Firma Invercine Wood mit Sitz in Santiago de Chile und der StoryHouse Productions mit Sitz in Berlin produziert.

Ich habe den deutschen Drehbuchautoren und Co-Produzenten Andreas Gutzeit und den Protagonisten der Serie, Marcel Rodríguez (Leo Ramírez), für ein Gespräch über das neue Serien-Projekt in den Büroräumen von StoryHouse Productions in Berlin Mitte besucht. Aus dem Forschungsbereich der Public History kommend, haben mich vor allem der Ansatz der fiktionalen Thriller-Serie in ihrem historischen Bezugsrahmen und die Serie als geschichtskulturelles Produkt interessiert. Bevor wir ins Gespräch über die neue Serie kamen, konnte ich mir im Konferenzraum die Pilotfolge der neuen Serie “Dignity” anschauen.

Antonia Zegers spielt Pamela, die zusammen mit Leo ermittelt. (Quelle: SHP)

Das Verhältnis von historischen Fakten und fiktionaler Serie

Die Pilotfolge reißt viele zentrale Themen der komplexen Geschichte der Colonia Dignidad an. Dabei betont Andreas Gutzeit in unserem Gespräch immer wieder, dass es sich bei “Dignity” weder um eine historisch exakte Darstellung der Geschichte, noch um eine Form von Doku-Fiction handelt. Alle Charaktere bis auf Paul Schäfer (Götz Otto) seien fiktional und die Serie nicht mehr und nicht weniger als ein Thriller. Auf die Frage, ob Charaktere wie der Protagonist Leo Ramírez (Marcel Rodríguez) oder die Figur des Bernhard Hausmann (Devid Striesow) auf der Grundlage realer Personen geschrieben worden seien, erklärt Gutzeit:

“Das sind alles Composit-Characters, die zusammengesetzt sind. Also zum Beispiel bei Marcels Figur Leo ist natürlich [der chilenische Rechtsanwalt, Anm. MD] Hernán Fernández eine Möglichkeit. Der hat aber nicht in Deutschland studiert und der hat auch keine deutsche Frau. Also alles, was wir aber für die Fiktion brauchen.”

Auch wenn die einzelnen Figuren als zusammengesetzte Charaktere ausschließlich fiktional verstanden werden sollen, so werden doch bereits in der ersten Folge zahlreiche Themen verhandelt oder angedeutet, die historisch belegt sind und leider nicht fiktionaler sondern tatsächlicher Bestandteil der Colonia Dignidad waren. Dazu zählen unter anderem die brutale Herrschaft Paul Schäfers und seiner treuen Führungsriege, die sexualisierte Gewalt an den Kindern, die strikte Trennung der Geschlechter in separate Gruppen, die zwangsweise Verabreichung von Psychopharmaka an die Mitglieder und die Rolle der Colonia Dignidad als Folterort des chilenischen Geheimdienstes DINA (Dirección de Inteligencia Nacional) während der chilenischen Militärdiktatur. Gleich zu Beginn von “Dignity” lässt sich erahnen, dass in den folgenden Episoden viel Historisches thematisiert werden wird. Ein Thriller also, der ein historisches Thema behandelt, jedoch keinen Anspruch auf historische Korrektheit erhebt. Die Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität dürfte nicht allen Zuschauer*innen leicht fallen. Das weiß auch Produzent Andreas Gutzeit. Er ist der Überzeugung, dass “Dignity” auch deshalb eine “außergewöhnliche Serie” sei, weil sie weniger auf die Darstellung historischer Fakten, sondern vielmehr auf das Ausloten einer “emotionalen Wahrheit” setze. Es bleibt abzuwarten, welche “emotionale Wahrheit” die Zuschauer*innen erwartet. Deutlich wird jedenfalls, dass emotional aufgeladenene Themen wie die Beziehung zwischen zwei Brüdern und das Verarbeiten sexueller Gewalterfahrungen beim Erwachsenwerden verhandelt werden sollen.

Auch der Dreh am Originalschauplatz in Chile schafft eine Nähe zur historischen Colonia Dignidad. Die Geschichte der achtteiligen Thriller-Serie spielt in den 1990er-Jahren, also nach dem Ende der Militärdiktatur in Chile. Zuschauer*innen begleiten den Protagonisten Leo Ramírez bei seinen Ermittlungen gegen den Colonia-Leiter Paul Schäfer. Recht schnell wird deutlich, dass es dem jungen Bundesanwalt aber auch um die eigene Familiengeschichte geht. Seine Kollegin Pamela (Antonia Zegers) fragt schon am Ende der Pilotfolge: “Bist du in der Colonia Dignidad aufgewachsen?”

Dreharbeiten zu dem Thriller “Dignity” am historischen Ort 

Die Serie “Dignity” wurde in der heutigen Villa Baviera, der ehemaligen Colonia Dignidad gedreht. Diese liegt etwa 400 km südlich der chilenischen Hauptstadt Santiago de Chile. Der Ort ist heute ein touristisch ausgerichtetes Feriendomizil mit Hotel und bayerischem Restaurantkonzept. Außerdem werden dort Hochzeiten und verschiedene Feste zu unterschiedlichen Feiertagen ausgerichtet. Viele der einst etwa 300 Mitglieder der Colonia Dignidad sind inzwischen verstorben oder haben die Gemeinschaft verlassen. Sie leben heute größtenteils in Deutschland oder in Chile außerhalb der Villa Baviera. Noch um die 100 Menschen wohnen gegenwärtig in der Villa Baviera. Die Schauspieler*innen von “Dignity” übernachteten etwa drei Wochen lang im dortigen Hotel Villa Baviera und aßen im örtlichen Restaurant. Die Nähe zu dem historischen Ort und den Bewohner*innen habe dafür gesorgt, dass sich die Schauspieler*innen dem historischen System Colonia Dignidad auf einer sehr emotionalen Ebene nähern konnten. Viele der Bewohner*innen der heutigen Villa Baviera hatten sich bereiterklärt, als Zeitzeug*innen von ihren persönlichen Erfahrungen in der Colonia Dignidad zu berichten. Das habe den Schauspieler*innen sehr geholfen, um sich in ihre Rollen einzufühlen und die Materie besser verstehen zu können, erklärt Marcel Rodriguez. Er führt aus:

“Also auf uns Schauspieler*innen sind die Bewohner*innen sehr offen und warmherzig zugegangen. Auf mich hat es sogar den Eindruck gemacht, als gäbe es geradezu den Drang, mit uns über die Vergangenheit zu sprechen. Darüber zu reden, was sie Schlimmes erlebt haben. Sie haben zum Beispiel recht schnell auch über die Prügel gesprochen, die sie selbst gegeben oder bekommen haben. Insgesamt wollten sie auch wissen, wen wir spielen, wie wir uns die Umstände vorstellen und wie sie uns dabei helfen können, die Rollen vielleicht noch besser spielen zu können.” 

Neben diesen Gesprächen mit ehemaligen Mitgliedern der Colonia Dignidad habe er sich vor allem mit verfügbaren Dokumentationen über das Thema informiert. Auch die Broschüre, die Dieter Maier und Jürgen Karwelat 1977 für Amnesty International Deutschland über die Colonia Dignidad verfasst hatten, half ihm bei der historischen Sensibilisierung für die Rolle als Leo Ramírez. Die intensive Konfrontation mit den düsteren Geschichten der Colonia sei aber nicht spurlos an dem 35-jährigen Schauspieler vorbeigegangen. Marcel Rodríguez erinnert sich an einen emotionalen Tiefpunkt, den er an einem Tag auf dem Weg zum Dreh in der Villa Baviera erlebt habe:

“Das war schon gegen Ende. Ich glaube, da waren nur noch zwei Drehwochen übrig und da hatte ich irgendwie mal so einen Moment. Ich habe einen komischen Ekel in mir verspürt. Mich ständig mit den Verbrechen der Colonia zu beschäftigen, ständig darüber nachdenken, das wurde einfach zu viel. Ich wollte alles irgendwie abschütteln und das ging aber nicht. Ich musste weinen und bin richtig kurz zusammengebrochen. Das war sonderbar. Das wurde mir dann zu viel. Du denkst drüber nach, denkst über die Rolle nach. Du denkst über die Leute nach, denkst über die Kinder nach, die das erlebt haben oder überhaupt diese Ungerechtigkeit, die dort stattgefunden hat. […] Das ist einfach alles sehr anstrengend gewesen und dann gab es irgendwann einen Moment, in dem alles kurz rausgekommen ist.” 

So wie Marcel Rodriguez sei es eigentlich allen Schauspieler*innen in gewissen Momenten ergangen, fügt Andreas Gutzeit hinzu:

“Also das war das gleiche Thema für alle anderen deutschen Schauspieler, die dort waren. Also das was Marcel jetzt sagt, würden Devid Striesow, Götz Otto und Jenny Ulrich, Martina Klier und Nils Rovira-Muñoz auch sagen. Das Thema hat sie schon sehr persönlich berührt.”

Rückblickend hält Marcel Rodríguez diesen emotionalen Tiefpunkt sogar für notwendig:

“Ich glaube, wenn man die ganze Zeit diese Sachen spielt, sich damit beschäftigt und die ganze Zeit nur gute Laune hat, dann ist das auch irgendwie ein bisschen komisch. Dann hat man vielleicht etwas nicht kapiert, was da stattgefunden hat.”

Vielleicht sind diese Momente der emotionalen Überlastung gemeint, wenn Produzent Gutzeit von “emotionaler Wahrheit” spricht. Mit diesen Gefühlen sind die Schauspieler*innen nicht allein. Immer wieder beschreiben Journalist*innen, Wissenschaftler*innen, Politiker*innen und andere mit dem Thema befasste Menschen ähnliche Erfahrungen. Dieter Maier verwendet in seinen Büchern den Begriff “Colonitis”, um die emotionale Nähe zu beschreiben, die solche Überlastungs- oder Verwicklungszustände herbeiführen kann. Als Ursache für die “Colonitis” sieht Maier die intensiven Begegnungen mit Menschen, die bis heute unter massiven Traumata leiden. Die Auseinandersetzung mit diesen Traumata und die persönliche Nähe zu den Menschen, erzeuge bei vielen ein Gefühl von Betroffenheit, das sich auf unterschiedliche Art und Weise zeige. Viele identifizieren sich mit den Betroffenen und entwickeln das Bedürfnis zu Akteur*innen zu werden. Manche verspüren eine übermannende Traurigkeit und andere sind einfach überfordert. Emotional unbeeindruckt bleibt kaum jemand. Inwieweit Emotionen in der Auseinandersetzung mit historischen Themen hilfreich sind, da sie die Geschichte greifbarer machen oder ob sie im Sinne einer Emotionalisierung hinderlich sind, da durch eine übermäßige Identifikation ein nötiger Abstand verloren gehen kann, darüber wird auch in der Public History gestritten.

 

Der totgeglaubte Bruder Klaus (Nils Rovira-Muñoz) von Leo (Quelle: SHP)

Verhältnis von gesellschaftlichem Bewusstsein und ökonomischem Erfolg der Serie

Gutzeit und Rodriguez habe viel der Gedanke umgetrieben, ob es in Deutschland ausreichend gesellschaftliches Bewusstsein über die Geschichte der Colonia Dignidad gebe. Für den ökonomischen Erfolg einer Serie sei es wichtig, ob die Zuschauer*innen bereits etwas über die Geschichte wissen. Denn vor allem der Wiedererkennungswert sorge für die Bereitschaft sich mit der Thematik weiter auseinanderzusetzen. Auf die Frage, woher die beiden selbst erstmals von der Geschichte der Colonia Dignidad erfahren hatten, erzählt Rodriguez, er selbst sei erst durch den Spielfilm “Colonia Dignidad. Es gibt kein Zurück” von Florian Gallenberger auf das Thema aufmerksam geworden. So wie ihm, gehe es damit auch vielen in seinem privaten Umfeld. Andreas Gutzeit hingegen habe den Verlauf der Geschichte der Colonia Dignidad über die Jahrzehnte im SPIEGEL aufmerksam verfolgt. Dies sei einfach eine Generationen-Frage schätzen Gutzeit und Rodriguez die unterschiedliche Wahrnehmung der Geschichte der Colonia Dignidad ein.

Auch der Gallenberger-Film mit Emma Watson und Daniel Brühl in den Hauptrollen zeigt bei Weitem mehr Fiktion als historische Fakten und dennoch hat er zahlreiche Menschen zu aktiver Auseinandersetzung mit der Colonia inspiriert. Der heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nannte diesen Film während seiner Amtszeit als Bundesaußenminister im Jahr 2016 einen “künstlerischen Anstoß” für die Auseinandersetzung des Auswärtigen Amtes mit der eigenen Verantwortung in der Geschichte der Colonia Dignidad. Er veranlasste die Verkürzung der Sperrfrist für den noch gesperrten Teil der Akten im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes. Dieser Bestand ist heute für alle Interessierten zugänglich. Auch auf nicht-politischer Ebene diente der Film als Anstoß für Lesungen, Vorträge, Medienberichte und Podiumsdiskussionen. So haben etwa kürzlich Mitglieder des Allgemeinen Studierendenausschuss der Universität Hannover (AstA) durch den Spielfilm für das Thema Colonia Dignidad sensibilisiert worden. Aus anfänglichen Recherchen wurde eine zweiwöchige Veranstaltungsreihe, die am 4. Dezember 2019 mit einer Podiumsdiskussion ihren Abschluss fand. Trotz der Fiktionalisierung des historischen Themas hat der Spielfilm Einfluss genommen auf eine geschichtskulturelle Auseinandersetzung mit der Geschichte der Colonia Dignidad.

Geschichtskulturelle Auseinandersetzungen im Spannungsfeld zwischen Aufarbeitung und Kampf um Deutungshoheit

In der Villa Baviera herrscht schon seit Jahren Hochbetrieb: Wissenschaftler*innen, Journalist*innen, Filmemacher*innen und privat Interessierte geben sich beim Ein- und Ausgehen die sprichwörtliche Klinke in die Hand. Die meisten kommen mit dem Ziel, einen Blick in die authentische Vergangenheit der ehemaligen Colonia Dignidad zu werfen. Sie wollen den Ort, der Schauplatz von grausamer Gewalt geworden ist, sehen und fühlen. Mehr noch: Sie wollen die Menschen sehen, die all das erlitten oder verursacht haben, wovon sie bisher nur gehört oder gelesen haben. In der Public History hat sich der Begriff “Dark Tourism” etabliert, wenn es um die Reisen an Orte mit solch düsterer Vergangenheit geht und die Anziehungskraft, die diese Orte auf viele Menschen ausübt. Einige Bewohner*innen der Villa Baviera haben im letzten Jahrzehnt bereitwillig als Zeitzeug*innen Auskunft gegeben. Sie haben ihre Geschichten in zahlreichen Interviews geteilt. Diese Bereitschaft zum Erzählen der eigenen Lebensgeschichten ist meist auch verbunden mit Wünschen und Forderungen. Sie wünschen sich Sichtbarkeit der erlittenen grausamen Schicksale. Manche wünschen sich auch die Aufklärung noch ungeklärter Verbrechen. Vor allem aber fordern die betroffenen Menschen finanzielle Entschädigung für jahrzehntelang erlittenes Unrecht. Viele wünschen sich einen Ausweg aus den prekären Lebensverhältnissen. Erst kürzlich wurden vom Deutschen Bundestag einmalige Hilfszahlungen in Höhe von 10.000 € pro Person beschlossen, die an deutsche Opfer der Colonia Dignidad gezahlt werden sollen.

Neben denjenigen, die bis heute auf dem Gelände der Villa Baviera leben, gibt es noch weitere betroffene Menschen, die bis heute unter den Folgen des Gewalt-Regimes der Colonia leiden. Dazu zählen ehemalige Mitglieder der Gruppe, die inzwischen außerhalb der Villa in Chile leben oder das Land verlassen haben und heute zum Beispiel in Deutschland oder Österreich wohnen. Auch die chilenischen Opfer der Colonia Dignidad leiden bis heute und fordern vor allem die Aufklärung der Verbrechen: Während der Militärdiktatur entführte der chilenische Geheimdienst ihre Familienangehörigen, folterte, ermordete und vergrub sie in Massengräbern auf dem Gelände der Colonia Dignidad. Die Suche nach den Spuren der Ehemänner, Brüder, Schwestern oder Söhne begleitet sie bis heute. Auch die jungen chilenischen Männer, die in den 1990er-Jahren als Kinder Opfer von sexualisierter Gewalt durch Paul Schäfer wurden, wünschen sich weitere Aufklärung und Gerechtigkeit. Über die mangelnde juristische Aufarbeitung hat die Journalistin Ute Löhning zuletzt mehrfach berichtet. Neben der juristischen, ist die erinnerungskulturelle Aufarbeitung gefordert. Die Gedenkstättenexpert*innen Dr. Elke Gryglewski und Dr. Jens-Christian Wagner wurden zusammen mit zwei chilenischen Kolleg*innen mit einem Gedenkstättenkonzept beauftragt, das auf dem Gelände der heutigen Villa Baviera zukünftig umgesetzt werden soll.

Wenn es der Serie “Dignity” gelingen sollte, größere internationale Reichweite zu erzielen und weitere Menschen auf diesen Teil der deutsch-chilenischen Geschichte aufmerksam zu machen, könnte sie einen Beitrag zum Aufarbeitungsprozess leisten. Auch wenn Gutzeit betont, dass dies nicht das Ziel der Serie sei, so kann sie diesbezüglich dennoch eine Chance bedeuten, wie am Beispiel des Gallenberger-Films gezeigt wurde. Dafür wäre es allerdings nötig, dass die Zuschauer*innen den emotionalen Zugang nutzen, um weiter zu recherchieren und konkrete Fragen an die Geschichte zu stellen. Ob dies gelingt, wird sich nach dem Serienstart von “Dignity” 19. Dezember 2019 zeigen.

(Der Artikel basiert auf einem Interview, das am 13. November 2019 in den Büroräumen von StoryHouse Productions geführt wurde.)

Veranstaltungen

AStA der Uni Hannover organisiert Veranstaltungsreihe zur Colonia Dignidad

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AStA der Uni Hannover organisiert Veranstaltungsreihe zur Colonia Dignidad

Die “Arbeitsgemeinschaft Kritische Bildung” des Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) der Leibniz Universität Hannover organisiert eine Veranstaltungsreihe zum Thema Colonia Dignidad im November und Dezember 2019.  Neben vier Terminen mit interdisziplinären Vorträgen zu verschiedenen Themenbereichen, wird auch eine abschließende Podiumsdiskussion ausgerichtet.

Vor allem der Spielfilm “Colonia Dignidad- Es gibt kein Zurück” von dem Regisseur Florian Gallenberger habe viele Mitglieder des AStA zu weiteren Recherchen zum Thema Colonia Dignidad angeregt, sagte Enise Üstkala (AG Kritische Bildung) über die Motivation des Studierendenausschusses, die Veranstaltungsreihe zu organisieren. Viele hatten zuvor noch nie oder nur wenig von diesem Ort in Chile und seinen Verwicklungen mit der chilenischen Militärdiktatur (1973-1990) unter Augusto Pinochet gehört.

In regelmäßigen Sitzungen der Arbeitsgemeinschaft diskutierten die Mitglieder einzelne Themenkomplexe rund um die Geschichte der Colonia Dignidad, sowie die Gegenwart der Villa Baviera. Aus ihren Diskussionen entwickelten sie eine interdisziplinäre Veranstaltungsreihe, die erstmals auch die wissenschaftliche Betrachtung spezifischer Themenbereiche unternimmt:

Zur Auftaktveranstaltung am 25. November 2019 gibt der Journalist und Publizist Dieter Maier einen überblicksartigen Vortrag zu den Anfängen der Colonia in Deutschland, dem Verlauf in Chile und der Funktion der Gruppe/des Ortes innerhalb der chilenischen Militärdiktatur.

Am 27. November 2019 hält der Psychologe Henning Freund einen Vortrag über die psychologische Identitätskonstruktion nach der Sozialisation in der totalitär-religiösen Gemeinschaft Colonia Dignidad.

Am 29. November 2019 liest Autorin Heike Rittel gemeinsam mit den Zeitzeug*innen Edeltraud und Michael Müller aus ihrem Interview-Buch “Lasst uns reden: Frauenprotokolle aus der Colonia Dignidad” vor.

Am 3. Dezember 2019 spricht der Sozialpsychologe Rolf Pohl über sexuelle Gewalt als männliches Herrschaftsinstrument in der Colonia Dignidad.

Am 4. Dezember 2019 diskutieren Journalistin Ute Löhning, Aktivist Jürgen Karwelat, Geschichts- und Kulturwissenschaftlerin Meike Dreckmann, Sozialpsychologe Sebastian Winter, sowie Mitglieder der “Not- und Interessengemeinschaft der Geschädigten der Colonia Dignidad” zu aktuellen Fragen und Herausforderungen in der Aufarbeitung der Geschichte der Colonia Dignidad.

Informationen zu den verschiedenen Veranstaltungsorten und gegebenenfalls Aktualisierungen rund um die Veranstaltung finden sich hier.

 

Quelle: Veranstaltungsseite des AStA Hannover

Akteur*innen & Projekte/Interviews

“So geschichtspolitisch umkämpft wie die Colonia ist kaum ein anderer Ort.”

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“So geschichtspolitisch umkämpft wie die Colonia ist kaum ein anderer Ort.”

Der Historiker Dr. Jens-Christian Wagner leitet seit 2014 die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. Seit 2017 ist er Teil einer Expertengruppe, die eine Gedenkstätte auf dem Gelände der ehemaligen Colonia Dignidad konzipieren soll. Im Interview erzählt er von seiner Arbeit in diesem geschichtspolitisch umkämpften Ort.

Interview mit Dr. Jens-Christian Wagner über die geplante Gedenkstätte in der Ex-Colonia Dignidad

Meike Dreckmann: Seit wann und wie genau sind Sie im erinnerungskulturellen Feld der ehemaligen Colonia Dignidad tätig?

Jens-Christian Wagner: Das erste Seminar mit ehemaligen Bewohner*innen der Villa Baviera sowie mit ehemaligen Folteropfern und Angehörigen von Verschwundenen habe ich Anfang 2017 in der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz mitgemacht. Danach war ich bislang an drei Seminaren in Chile beteiligt, die teilweise auch in der Villa Baviera stattfanden. Zusätzlich war ich im Sommer 2018 in Chile und in Villa Baviera, um mir zusammen mit Abgeordneten des Deutschen Bundestages ein Bild vor Ort zu machen und um der gemischten Kommission der deutschen und der chilenischen Regierung zusammen mit Elke Gryglewski und zwei chilenischen Kolleg*innen unsere Vorstellungen vorzustellen, wie ein Gedenk- und Dokumentationsort zur Geschichte der Colonia Dignidad und der unterschiedlichen Opfergruppen aussehen könnte. Leider geht es mit der Einrichtung einer Gedenkstätte bzw. eines Dokumentationsortes nicht so schnell, wie sich das die meisten Beteiligten wünschen.

MD: Woran liegt das?

JCW: Zum einen liegt das an unterschiedlichen Vorstellungen der sehr heterogenen Opfergruppen, noch mehr aber, wie ich es sehe, an unterschiedlichen Vorstellungen auf deutscher und chilenischer Seite auch innerhalb der gemischten Kommission. Dabei muss man berücksichtigen, dass auf chilenischer Seite während des 2016 begonnenen gemeinsamen Prozesses ein Regierungswechsel stattgefunden hat. Statt von einer Mitte-Links-Koalition wird das Land nun von einer Koalition regiert, der auch frühere Pinochet-Anhänger angehören. Die kritische Auseinandersetzung mit der Diktatur und ihren Verbrechen, von denen etliche ja auch in der Colonia Dignidad begangen wurden, ist noch lange nicht Konsens zwischen den politischen Lagern in Chile – etwas, was wir aus dem Deutschland der 1950er und 1960er Jahre ja auch gut kennen. Ein weiterer sicherlich erschwerender Punkt sind die unsicheren oder ungeklärten Eigentumsverhältnisse der heutigen Bewohner*innen der Villa Baviera und derjenigen, die sich in Chile einen anderen Wohnort gesucht haben. Insbesondere letztere leben in sehr prekären Verhältnissen und erhoffen sich von dem Diskussionsprozess um eine Gedenkstätte nicht nur einen kritischen Umgang mit der Geschichte, der auch eigenes Leiden anerkennt, sondern vor allem erst einmal eine Lösung für ihre wirtschaftlichen Probleme.

Elke Gryglewski und ich stehen jedenfalls in den Startlöchern und haben eigentlich auch recht genaue Vorstellungen, wie ein solcher Ort aussehen könnte – Vorstellungen, die mit den verschiedenen Opfergruppen und auch den heutigen Bewohner*innen der Villa Baviera sowie en Ex-Bewohner*innen mehrfach diskutiert wurden.

Im August 2018 wurden Elke Gryglewski und ich sowie die beiden chilenischen Kolleg*innen von der gemischten Regierungskommission beauftragt, ein Konzept für eine Gedenkstätte bzw. einen Gedenkort zur Geschichte der Colonia Dignidad zu erarbeiten. Ich hoffe, dass das nach einem personellen Wechsel auf chilenischer Seite nun bald geschehen kann. Elke Gryglewski und ich stehen jedenfalls in den Startlöchern und haben eigentlich auch recht genaue Vorstellungen, wie ein solcher Ort aussehen könnte – Vorstellungen, die mit den verschiedenen Opfergruppen und auch den heutigen Bewohner*innen der Villa Baviera sowie en Ex-Bewohner*innen mehrfach diskutiert wurden. Im Kern geht es darum, vor Ort innerhalb der heutigen Villa Baviera an den konkreten historischen Orten/Gebäuden an die jeweiligen Opfergruppen zu erinnern, die dort gelitten haben: den Bewohner*innen, die zwischen 1961 und Anfang der 2000er Jahre Opfer von Folter sowie physischer und psychischer Gewalt in der Colonia Dignidad wurden (insbesondere den Kindern, die in den 1960er Jahren von Deutschland in die Colonia  gebracht wurden und dort Opfer systematischen sexuellen Missbrauchs wurden; den chilenischen Oppositionellen, die während der Diktatur in den 1970er Jahren in die Colonia verschleppt und dort gefoltert und in vielen Fällen auch ermordet wurden; den chilenischen Missbrauchsopfern der 1980er und 1990er Jahre. Sie alle haben ein Recht auf differenzierende Würdigung und Anerkennung.)

Die Angehörigen brauchen einen Ort, an dem sie trauern können.

MD: Was macht Ihrer Meinung nach gelungene Gedenkstättenarbeit aus? Wann „reicht“ ein Denkmal und wann ist eine Gedenkstätte nötig?

JCW: Ein Denkmal hat eine würdigende Funktion für diejenigen, die damit geehrt werden oder an die erinnert werden soll. Meine Vorstellung von Gedenkstättenarbeit geht weiter: Es geht darum, kritisches Geschichtsbewusstsein und historisches Urteilsvermögen zu vermitteln: Gedenken braucht Wissen und Reflexion. Das geht nur in einer „arbeitenden“ Gedenkstätte mit Forschungs- und vor allem Bildungsarbeit sowie der dafür nötigen Infrastruktur wie Archiv und vor allem Dauerausstellung. Und natürlich geht es darum, die historischen Orte als Exponate zu zeigen und zugänglich zu machen – als „Schaustücke“ und zugleich als Beweismittel für die dort begangenen Verbrechen. Dafür brauchen wir die historischen Orte, und auch deshalb ist es so wichtig, dass die Dokumentationsstätte nicht irgendwo, etwa in Santiago, sondern in der heutigen Villa Baviera eingerichtet wird.

Doch trotz der Wichtigkeit einer auf Reflexion setzenden Dokumentationsstätte ist das Gedenken wichtig – insbesondere für die Angehörigen der Regimegegner, die in der Colonia von der DINA unter tätiger Beihilfe der Colonia-Führung ermordet wurden und als „verschwunden“ gelten. Die Angehörigen brauchen einen Ort, an dem sie trauern können.

MD: Während meines diesjährigen Forschungsaufenthaltes in der Villa Baviera habe ich etwas Interessantes erlebt: Einige Zeitzeug*innen, die mir vor drei Jahren sagten, dass es wichtig sei, „einen Schlussstrich unter die Vergangenheit“ zu ziehen, wünschten sich im Februar 2019 das Gegenteil. Sie nahmen auch Bezug auf die von Elke Gryglewski und Ihnen organisierten Gruppen-Seminare und erläuterten mir die Notwendigkeit einer Gedenkstätte auf dem Gelände der heutigen Villa Baviera. Was ist in den letzten drei Jahren passiert? Kann der Sinneswandel Einzelner als Erfolg Ihrer partizipativen Gedenkstättenkonzeption gewertet werden?

JCW:  Ja, ich glaube, das ist ein Erfolg, der allen Beteiligten zuzuschreiben ist – vor allem den Seminarteilnehmer*innen aus verschiedenen Opfergruppen, die es sich wirklich nicht einfach gemacht haben.

In der deutschen Gedenkstättenarbeit sind wir bisweilen zu autoreferentiell.

MD: Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit zu dem Thema und was waren und sind Ihre größten Herausforderungen in dem erinnerungskulturellen Feld rund um die Villa Baviera?

JCW: Es ist immer gut, über den Tellerrand zu schauen. In der deutschen Gedenkstättenarbeit sind wir bisweilen zu autoreferentiell. Da ist es gut, auf andere geschichtspolitische Konstellationen zu schauen – und auch von anderen zu lernen. Sehr beeindruckt bin ich etwa von der Arbeit des Museo de la Memoria in Santiago, mit dem wir immer wieder kooperiert haben. Die gegenwartsbezogene und in die Gesellschaft hinein gerichtete Arbeit ist beispielhaft.

Das erinnerungskulturelle Feld rund um die ehemaligen Colonia Dignidad ist aus diversen Gründen außerordentlich schwierig: 1. Sowohl die deutschen als auch die chilenische Regierungen haben sich lange Zeit schwer damit getan, zu ihrer Verantwortung zu stehen. 2. Die Opfergruppen sind sehr heterogen und haben nicht unbedingt identische Interessen. 3. Unter den Bewohner*innen der Villa Baviera, den sogenannten Colonos, gibt es Täter, Opfer und Personen, die beides sind. 4. Die heutigen Bewohner*innen und die Ex-Colonos haben unterschiedliche Interessen. 5. Unter den Colonos und Ex-Colonos herrscht bis heute ein anerzogenes tiefes Misstrauen untereinander und eine gewisse Neigung zu einem denunziatorischen Verhalten. 6. Auch unter den chilenischen Opferverbänden gibt es Spannungen, die politisch und sozial bedingt sind (die bäuerlich geprägten Opfergruppen aus der Umgebung von Parral haben andere Interessen als die Gruppen aus Santiago, in denen auch mittelständische Akademiker*innen vertreten sind). 7. Viel zu wenig präsent ist bislang die Gruppe der chilenischen Missbrauchsopfer, die sich aus verständlichen Gründen scheuen, öffentlich zu agieren.

Diese unterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu bekommen, ist fast unmöglich. Deshalb ist es so wichtig, dass die Gruppen einander wenigstens respektieren und das Leid der jeweils anderen anerkennen – und auch die Unterschiede anerkennen. Dazu haben die von Elke Gryglewski organisierten Seminare erfolgreich beigetragen.

Und die beschauliche Ruhe in der Villa Baviera bietet für die Bildungsarbeit gute Möglichkeiten für intensive Gruppenformate, insbesondere Mehrtagesveranstaltungen.

MD: Gibt es in Ihren Augen auch etwas, dass gegen eine Gedenkstätte vor Ort sprechen könnte?

JCW: Das einzige Argument, dass ich ansatzweise nachvollziehbar finde, ist das der Abgelegenheit in der Provinz. Allerdings ist das eine Frage der Perspektive: Von Santiago aus betrachtet mag das so sein. Von der Großstadt Concepción aus sieht das schon anders aus. Und die beschauliche Ruhe in der Villa Baviera bietet für die Bildungsarbeit gute Möglichkeiten für intensive Gruppenformate, insbesondere Mehrtagesveranstaltungen.

MD: Inwiefern unterscheiden sich Gedenkstätten in Chile von Gedenkstätten in Deutschland? Ist es schwierig im Hinblick auf kulturelle Unterschiede eine Gedenkstätte zu errichten, in der sich alle deutschen und chilenischen Opfergruppen repräsentiert fühlen?

JCW: Es gibt nicht nur kulturelle Unterschiede, sondern vor allem politisch-gesellschaftliche: In Chile liegt die Diktatur erst knapp 30 Jahre zurück, in Deutschland die NS-Diktatur 75 Jahre. In Deutschland gibt es bezogen auf den Nationalsozialismus kaum noch zeitgenössische Erfahrungen, in Chile dagegen leben Täter und Opfer noch, und das in einer Gesellschaft, die politisch tief gespalten ist. Unter diesen Umständen haben die Gedenkstätten noch sehr viel stärker die Funktion, historische Wahrheit in die Gesellschaft hineinzutragen. Dass die NS-Herrschaft mörderisch und verbrecherisch war und dass auch in der DDR Menschenrechte systematisch verletzt wurden, stellt in Deutschland kaum jemand in Zweifel – auch wenn um die Erinnerung an das SED-Unrecht, siehe etwa Hohenschönhausen, teils heftig gekämpft wird. Trotzdem käme in Deutschland vermutlich kaum eine Gedenkstätte auf die Idee, mit dem Slogan „verdad y justicia“ anzutreten – jedenfalls nicht in Gedenkstätten zu NS-Verbrechen–,weil es aus der NS-Zeit generationell bedingt kaum noch Schuldige gibt und weil die Anerkennung der nationalsozialistischen Verbrechen gesellschaftlicher Konsens ist – auch wenn er von rechter Seite zunehmend in Frage gestellt wird.

So isoliert wie oft behauptet war die Colonia Dignidad gar nicht.

MD: Welche inhaltlichen Schwerpunktthemen sollten in einer Gedenkstätte auf dem Gelände der Villa Baviera nach aktuellem Kenntnisstand unbedingt berücksichtigt werden?

JCW: Zunächst einmal müsste die Geschichte der Colonia Dignidad dargestellt werden – beginnend mit der Sektengründung in Deutschland. Auch das politische und gesellschaftliche Klima der Nachkriegszeit muss dabei thematisiert werden, insbesondere die Nachwirkung des Nationalsozialismus, die sich auch in der totalitären Praxis der Colonia Dignidad zeigte. Selbstverständlich ist das Klima totalitärer Kontrolle sowie psychischer und physischer Gewalt und der sexuelle Missbrauch zu thematisieren – auch unter Gender-Perspektive. Allein schon die Sprache, die sich in der Colonia Dignidad entwickelt hat, ist sehr aussagekräftig. Extrem wichtig ist es, die enge Verbindung der Sekte zum Pinochet-Regime und insbesondere zur DINA darzustellen, und das nicht nur in den 1970er Jahren, sondern bis zum Ende der Diktatur und darüber hinaus. Hier spielen die Folterungen und Morde an chilenischen Regimegegner*innen eine große Rolle. Auch der Missbrauch an Jugendlichen aus der Umgebung der Colonia muss thematisiert werden, wie überhaupt die Einbindung der Colonia in ihr räumliches und gesellschaftliches Umfeld gezeigt werden muss: So isoliert wie oft behauptet war die Colonia Dignidad gar nicht (allein schon wegen der vielfältigen Geschäftsbeziehungen nach „draußen“). Das bedeutet natürlich auch, dass es viele Mittäter*innen außerhalb gab. In diesem Zusammenhang ist schließlich auch die Rolle der deutschen Botschaft und des Auswärtigen Amtes zu hinterfragen.

MD: Wissen Sie von einem Ort auf dieser Erde, der vergleichbar wäre mit der Villa Baviera? Ihrer Geschichte und ihrer Gegenwart?

JCW: Mit ihrer sehr konkreten Geschichte ist die Colonia Dignidad bzw. Villa Baviera einzigartig, auch wenn es bekanntlich leider sehr viele Orte auf der Welt gibt, an denen andere Regime- und Gesellschaftsverbrechen begangen wurden. So vielschichtig und bis heute geschichtspolitisch umkämpft wie die Colonia Dignidad ist aber kaum ein anderer Ort.

MD: Vielen Dank für den Einblick in Ihre Arbeit und Sichtweisen.

Jens-Christian Wagner beantwortete mir die Fragen via Email.