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“Die Colonia Dignidad war ein integraler Bestandteil der chilenischen Diktatur.”

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Sechs Interview-Fragen an Menschenrechtler und Colonia Dignidad-Autor Dieter Maier

Dieter Maier ist einer der besten Kenner der Geschichte der Colonia Dignidad und Autor mehrerer Bücher zum Thema. Bekannt wurde er interessierten Leser*innen allerdings zunächst unter seinem Pseudonym Paul Friedrich Heller. Seit 2016 publiziert Dieter Maier auch unter seinem echten Namen zum Thema Colonia Dignidad/Villa Baviera. Wie er zum Feind des berüchtigten Sektenführers Paul Schäfer wurde und inwiefern die Colonia Dignidad mehr als ein brutales Sektensystem war, erzählt er in dem folgenden Interview.  

Meike Dreckmann: Ich glaube, du hast mir mal erzählt, dass du lange Zeit Paul Schäfers Feind Nummer 1 warst. Wie kam es dazu?

Dieter Maier: Ich bin nicht sicher, ob ich die Nr. 1 war. Schäfer und seine direkten Helfer visierten mich auf jeden Fall als Feind an. Jürgen Karwelat und ich schrieben 1976 die Broschüre von Amnesty international „Colonia Dignidad – deutsches Mustergut in Chile, ein Folterlager der DINA”, (Frankfurt am Main 1977), die dann im darauf folgenden Jahr erschien und die Colonia Dignidad in Bedrängnis brachte. Ich bekam dann auch einen anonymen Drohanruf auf Spanisch.

MD: Wir haben zum ersten Mal miteinander gesprochen, als du am 26. April 2016 als Experte auf dem Podium anlässlich einer Veranstaltung zu der Rolle des Auswärtigen Amtes in der Geschichte der Colonia Dignidad eingeladen warst. In seiner Rede sagte Frank-Walter Steinmeier in der damaligen Funktion als Außenminister „der Umgang mit der Colonia Dignidad ist kein Ruhmesblatt, auch nicht in der Geschichte des Auswärtigen Amtes.“ Er fügte hinzu: „Über viele Jahre hinweg, von den sechziger bis in die achtziger Jahre haben deutsche Diplomaten bestenfalls weggeschaut – jedenfalls eindeutig zu wenig für den Schutz ihrer Landsleute in dieser Kolonie getan.“ Wie war es für dich diese Sätze im Auswärtigen Amt zu hören, nachdem du schon so viele Jahre gegen die Colonia Dignidad gekämpft hattest?

DM: Nun ja, es war keine Überraschung. Ich hatte am Rande etwas mit den Vorbereitungen der Veranstaltung zu tun, und kleine Passagen der Steinmeier-Rede gehen auf mich zurück. Aber es war eine große Genugtuung.

MD: Immer wieder heißt es, dass es nichts Vergleichbares zur Geschichte der Colonia Dignidad gibt. Woran liegt das? Was unterscheidet diese Sektengeschichte deiner Meinung nach von anderen?

DM: Es geht nicht nur um eine Sekte, sondern um eine Repressionsagentur der Pinochet-Diktatur von großer Wirkung. Bezieht man die interne Sektenstruktur mit ein, erweist sich die Colonia Dignidad als eine nach außen und innen hochrepressive Sklavenhaltergesellschaft, die etwa ein halbes Jahrhundert lang bestand, und dies zu unseren Lebzeiten. Nimmt man zur Systematik und zeitlichen Länge der Repression die Mischung aus Folter, sexuellem Missbrauch, Waffengeschäften usw. dazu, dann gibt es nichts Vergleichbares.

MD: Du plädierst immer wieder dafür, die Colonia Dignidad als historisches System zu begreifen, das über die eigenen Zäune hinausragt(e). Wo machen die meisten Menschen einen Denkfehler, wenn sie sich mit der Colonia Dignidad auseinandersetzen?

DM: Es ist, wie wenn jemand ein Pflaster im Gesicht hat: Man versucht nicht hinzusehen und tut es immer wieder doch. Der Blick richtet sich auf das Dorf innerhalb des Zaunes und auf die deutschen Opfer. Diese Perspektive ist ethnisch eingeengt, enthistorisiert und entpolitisiert. Die Colonia Dignidad war ein integraler Bestandteil der chilenischen Diktatur.

MD: Wie würdest du Paul Schäfer charakterisieren?

DM: Ein machtversessener, genialer Manipulator. Er hat sich selbst ein kleines Reich geschaffen, wo er seine destruktiven Bedürfnisse ungestraft ausleben konnte. Ich weiß bis heute nicht, ob er seine eigenen Lügen geglaubt hat.

MD: Wie lange willst du dich noch mit dem Thema Colonia Dignidad beschäftigen?

DM: Ich würde nach fast 50 Jahren Beschäftigung mit dem Thema am liebsten heute noch aufhören.

 

Dieter Maier beantwortete die sechs Fragen schriftlich via Email.