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Zeitzeugenberichte

Edeltraud Bohnau: “Mein Leben in der Sekte”

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Edeltraud Bohnau: “Mein Leben in der Sekte”

Bild aus dem chilenischen Nationalarchiv, Bildrecht: CDPHB

Über die Veröffentlichung des Zeitzeugenberichts auf diesem Blog

Edeltraud Bohnau hat die längste Zeit ihres Lebens in der Colonia Dignidad in Chile gelebt. In ihrem 80-seitigen Bericht über ihre Erfahrungen wird sie zur Zeitzeugin vieler Geschehnisse in der Colonia Dignidad. Leser*innen erhalten einen besonders authentischen Einblick in die Geschichte der Colonia Dignidad, weil Bohnaus Text redaktionell nahezu gar nicht bearbeitet wurde. Anhand zahlreicher Anekdoten aus dem Alltag in der Colonia Dignidad wird vor allem die patriarchale Herrschaft und die Ausübung dieser durch strukturelle physische und psychische Gewalt überdeutlich. Auch deshalb ist der Bericht eine wichtige Quelle für die Aufarbeitung der Geschichte der Colonia Dignidad und ihre Konsequenzen für den heutigen Alltag vieler betroffener Menschen.

Edeltraud Bohnau hat diesen Bericht in den Jahren 2018/2019 geschrieben und ihn mit der Bitte um Veröffentlichung der Journalistin Anette Ende übergeben. Auf der Suche nach einem geeigneten Format wandte sich diese Ende 2019 an Dieter Maier. Dieser kam wiederum auf mich zu mit dem Vorschlag, den Bericht auf diesem Blog frei zugänglich zu veröffentlichen.

In Absprache mit der Autorin Edeltraud Bohnau möchte der Colonia Dignidad Public History Forschungsblog (CDPHB) mit der Veröffentlichung dieses Berichts eine Betroffene zu Wort kommen lassen und interessierten Blog-Leser*innen einen Einblick in eine besondere Perspektive auf die Geschichte der Colonia Dignidad ermöglichen.

Menschen erinnern ihr Leben unterschiedlich und verleihen ihren Erzählungen auf verschiedene Art und Weise einen Sinn im historischen Bezugsrahmen. Edeltraud Bohnau schildert in ihrem Zeitzeugenbericht viele Erfahrungen, die sie sicherlich mit anderen Betroffenen des Gewaltsystems Colonia Dignidad teilt. Gleichermaßen ist ihr Bericht aber einzigartig; er kann und soll nicht stellvertretend für alle ehemaligen Mitglieder der Colonia Dignidad stehen. Leser*innen gewinnen einen Einblick in die Erfahrungen einer Frau, die –wie viele Opfer– bis heute unter den Folgen der massiven physischen und psychischen Gewalt leidet, die ihr in der Colonia Dignidad angetan wurde.

 

Zum Download des Berichts im pdf-Format hier entlang:

Edeltraud Bohnau, Mein Leben in der Sekte

Aus dem Vorwort von Dieter Maier, Dezember 2019

“Edeltraud Bohnau schrieb den folgende Bericht in den Jahren 2018/19. Er handelt von ihrem Leben in der deutschen Sektensiedlung Colonia Dignidad in Chile. Die Anrede “Ihr” an einer Stelle ist ein Hinweis, dass der Text an die früheren Colonia-Mitglieder gerichtet ist. Es ist der unverblümte Bericht einer Frau in einer von Männern dominierten Zwangsgemeinschaft. Andere Texte zum Thema “Frauen in der Colonia Dignidad” (z.B. Rittel/Karwelat, s.u.) sind durch vorbereitete Fragen und mehrfache Redaktionen der transkribierten Interviews entstanden. Sie sind authentisch, da die interviewten Frauen an der Redaktion beteiligt waren. Ich hatte Gelegenheit, die Entstehung der Erinnerungen von Efraín Vedder und Klaus Schnellenkamp zu verfolgen: In dem dann gedruckten Buch ist der tagtägliche Wahnsinn der Schäfer-Sekte, der sich in zahllosen sprachlichen Details äußert, nur noch in geläuterter Form enthalten. Das ging auch kaum anders, denn die Bücher wären sonst unverständlich geworden.

In der Villa Baviera (wie die Siedlung heute heißt) hat sich durch zahlreiche Interviews mit Wissenschaftler*innen, Journalist*nnen, Justizpersonal und Publizist*innen eine Erzähltradition herausgebildet, in der die eigenen Opferrolle betont und Andere nicht belastet werden. Edeltraud Bohnau und ihr Mann Willi Malessa haben die Siedlung verlassen, ehe sich diese interessengeleiteten Narrative herausbildeten. Bohnau rechnet ab, schont niemanden, spricht die Sprache der Sekte. Das gibt ihrem Bericht seinen besonderen Wert. Der Wahnsinn ist mit Händen zu greifen. Am Anfang und Ende spricht sie von der finanziellen Situation ihrer Familie. Das verwundert beim Lesen, ist aber die Realität der früheren Bewohner der utopischen Siedlung, in der es kein Geld gab. Sie bekommen keine Rente.

Wir geben den Bericht fast wörtlich wieder. Korrigiert sind nur Umlaute und das “ß”, die auf Bohnaus Spanisch-Tastatur nicht vorhanden sind, einige Schreibweisen von Namen, einige Rechtschreibungen und die Interpunktion. Der Brief von Paul Schäfer am Schluss ist unverändert. Alle Klammerbemerkungen: (“s. Anmerkungen”) sind hinzugefügt und finden sich am Ende des Textes. Sie betreffen Stellen, die für unkundige Leserinnen und Leser sonst unverständlich sind. Fehler, die für ehemalige Bewohner der Colonia Dignidad typisch sind, wurden nicht korrigiert, z.B. die Unklarheit betreffs der beiden Weltkriege; die Kinder in der Siedlung erhielten keine geregelte Schulbildung und waren als Erwachsene von Informationen abgeschnitten. Einige klärende Erläuterungen haben wir am Schluss des Textes hinzugefügt, darunter Angaben zu erwähnten Personen. Bohnaus Bericht trägt keinen Titel. Die Datei heißt ‘Mein Leben in der Sekte’. Das habe ich als Titel gewählt.”

 

Zum Download des Berichts im pdf-Format hier entlang:

Edeltraud Bohnau, Mein Leben in der Sekte

Hinweis: Der CDPHB versteht sich ausschließlich als Plattform; er macht sich den Bericht der Autorin weder zu Eigen, noch übernimmt er Verantwortung für die geschilderten Erzählungen durch die Autorin des Berichts.

die Autorin

Posted by MD on

Meike Dreckmann-Nielen arbeitet gegenwärtig an ihrem Dissertationsprojekt zum Thema „Erinnern und Vergessen -Geschichtsbilder in der ehemaligen Colonia Dignidad“ am Arbeitsbereich Geschichtsdidaktik der Freien Universität Berlin. Neben ihrem Forschungsschwerpunkt der Erinnerungskultur/Geschichtskultur interessiert sie sich außerdem auch besonders für die Frauen- und Geschlechtergeschichte der Colonia Dignidad. Gefördert wird sie mit ihrem Dissertationsprojekt seit Februar 2018 von der Heinrich Böll Stiftung.

Erstmals reiste sie im Frühjahr 2016 in die heutige Villa Baviera, als sie von ihren damaligen Kolleginnen im Museo de la Memoria y los Derechos Humanos in Santiago de Chile auf die deutsch-chilenische Geschichte der Colonia Dignidad aufmerksam gemacht wurde.

Im Mai 2019 kehrte sie von einem längeren Forschungsaufenthalt in diversen chilenischen Archiven und der heutigen Villa Baviera zurück. In Chile führte sie unter anderem Interviews mit Bewohner*innen und Ex-Bewohner*innen der ehemaligen Colonia Dignidad, Aktivist*innen, Politiker*innen, chilenischen Opfern und dem gegenwärtig noch aktiven Psychotherapeuten-Team.

In Lüneburg, Barcelona und Berlin studierte sie Angewandte Kulturwissenschaften, Wirtschaftspsychologie und Public History. Beruflich war Meike Dreckmann unter anderem in einer Berliner Gedenkstätte und einer politischen Stiftung, den Goethe-Instituten Korea und Thailand, dem deutschen Generalkonsulat in New York, sowie in einem Berliner Start-Up tätig.